Postüberwachung ziviler Post in den USA während des 2. Weltkrieges

  • Ich habe mich heute ein wenig mit meinen Belegen zur amerikanischen Zivil-Zensur während des 2. Weltkrieges beschäftigt und dabei festgestellt, dass sehr wenig Information "googlebar" ist – zumal in deutsch. Ich habe mir daher gedacht hier etwas Information zur Verfügung zu stellen, damit der ein oder andere seine entsprechenden Belege besser einordnen kann. Ich hätte mir da lieber vorher über den Aufwand der Abtipperei Gedanken machen sollen. Zumal erfolglose Versuche Tabellen zu erstellen mich endlos Zeit gekostet haben. Na sei's drum. Vielleicht (hoffentlich) nützt es ja jemandem.


    In den USA begann die Postüberwachung ziviler Post wenige Tage nach dem Überfall auf Pearl Harbor und dem Eintritt der USA in den 2. Weltkrieg im Dezember 1941. Pläne hierfür hatte man schon im Juni 1941 begonnen zu entwerfen, so dass man relativ schnell reagieren konnte. Die Postüberwachung wurde nach der Kapitulation Japans und Ende der Kriegshandlungen am 15. August 1945 eingestellt.


    Jedem Zensor war eine persönliche, nicht übertragbare Nummer zugeteilt. Anfangs wurden provisorische Nummern verwendet. Spätestens ab etwa Februar 1942 wurden allerdings Nummern in systematischer Weise zugewiesen (1. Zuweisung). Gegen Ende 1943 kam es zu einer zweiten Zuweisung, die die erste ersetzte. Die beiden Tabellen unten basieren auf der Examinierung einer grossen Anzahl von Zensurpost. Die Tabellen tragen daher den festzustellenden Abweichungen zwischen den offiziell bekanntgemachten Zuweisungen und den tatsächlichen Verwendungen Rechnung. Die niedrigste und höchste Nummer in jeder Serie ist angegeben. Nicht alle Nummern in jeder Serie wurden verwendet. Meine Quelle ist Wilfrid Broderick und Dann Mayo, Civil Censorship in the United States during World War II.


    1. Zuweisung: Februar 1942 bis Ende 1943


    New York (POW) 117-352
    New York 432-481
    New York (POW) 533-738
    New York 1006-1104
    New York (POW) 1120-1150
    New York 1286
    San Francisco 1422-1719
    Miami 1732-1945
    New Orleans 1955-2019
    San Antonio 2024-2260
    El Paso 2262-2295
    Nogales 2296
    Los Angeles 2302-2566
    Honolulu 2581-2820
    San Juan 2821-2929
    Washington, D.C. 2965-3000
    Chicago 3002-3211
    New Orleans 3301-3494
    Seattle 3501-3797
    Miami 3804-4995
    New York 5000-8900
    New York (Philatelic) 9800-9849
    San Francisco 10021-10435
    Honolulu 11066-11080
    El Paso 11105-11247
    San Antonio 12000-12638
    Brownsville 12655-12692
    Laredo 12701-12800
    El Paso 12806-12997
    Balboa 13008-13243
    Cristobal 13503-13580
    Seattle 13802-13949
    San Juan 14025-14053
    Charlotte Amalie 14208
    New Orleans 14303-14431
    Miami 14452-14782


    2. Zuweisung: Ende 1943 bis August 1945


    Washington, D.C. 4-49
    New York (POW) 1112-1150
    Washington, D.C. 2112-2118
    Washington, D.C. 2408-2518
    Washington, D.C. 2926
    Washington, D.C. 3268-3384
    New York 5032-8458
    New York (POW) 10607-11846
    New York (POW) 12057-12994
    New York (Philatelic) 20002-20026
    Newport News 21201-21408
    Miami 30010-31372
    San Antonio 36001-36527
    Brownsville 39016
    Laredo 40003-40050
    New Orleans 50004-50430
    Chicago 53011-53190
    Los Angeles 55123-55301
    Los Angeles 56027-56046
    Balboa 58002-58247
    Cristobal 59009-59049
    San Francisco 61014-61531
    San Francisco 63006
    San Juan 64027-64261
    Seattle 6603-66197
    El Paso 68002-68179
    Nogales 69007-69020
    Douglas 70020
    Honolulu 71015-71269
    Honolulu 72003-72004
    David, R.P. 75014-75060


    Innerhalb der zweiten Zuweisung waren eine grössere Anzahl von Nummern dem Office of the Chief Postal Censor in Washington zugeteilt. Wer eine Nummer hat, die hier nicht gelistet ist, kann mich kontaktieren und ich kann dann mal nachforschen. Es mag sein, dass es sich in dem Fall um eine solche Nummer handelt.


    Es wurden hundertausende von Briefen pro Woche zensiert. US-Zensurpost ist daher im allgemeinen häufig. Am häufigsten findet man die Zensurstellen in New York und Miami.

  • Zitat

    Ich hätte mir da lieber vorher über den Aufwand der Abtipperei Gedanken machen sollen. Zumal erfolglose Versuche Tabellen zu erstellen mich endlos Zeit gekostet haben. Na sei's drum. Vielleicht (hoffentlich) nützt es ja jemandem.


    Wie soll die Tabelle aussehen, wie soll sie ertellt werden, alphabetisch?, nummerisch? kann mann kompienieren,
    Das einzige Problem das sein könnte ist, dass ich noch mit dem Programm von "Excel 5.0"?? arbeite und mein rechner von ??? für Text und Tabellen, hin halten muss. :D
    Oder wolltest Du die Tabelle in HTML? geht auch.
    Excel währe ruck zuck basiert.




    soaha

  • @ soaha


    Es ging sich nur darum, dass die Nummernübersicht der Orte und Zensornummern besser und übersichtlicher aussieht. Mit Tabellen in Word, Excel etc. habe ich kein Problem. Das Problem ist, dass die Formatierung verloren geht, wenn man versucht die Tabellen hier einzufügen.


    @ mx5schmidt


    Ich zeige gerne ein paar Beispiele. Diese sind nur die am häufigsten vorkommenden Arten von Verschlussstreifen. Es gibt auch Zensurstempel, von denen ich derzeit leider keine Beispiel zeigen kann. Das sind runde Einkreisstempel zumeist mit der Inschrift "U.S. Censorship." Gerade aus der ersten Zeit kommen auch alle möglichen provisorischen Stempel zur Kennzeichnung der Zensur vor.


    Einschreibebrief aus Peru von November 1942 zensiert in Miami (Nr. 3839)


    Brief von der Kanalzone März 1943 ebenfalls zensiert in Miami (Nr. 4150)



    Dies sind beides Papierverschlussstreifen. Es wurden anfänglich 80 Millionen Verschlussstreifen für die 15,000 Nummern der ersten Zuteilung bestellt.

  • Einschreibebrief aus Venezuela April 1943 zensiert in Miami (Nr. 14059)


    Brief aus Mexiko Juni 1943 zensiert in Los Angeles (Nr. 2385)


    Einschreibebriefe sind für die Forschung wichtig, da sie wegen der Vorschrift den Leitweg durch rückseitige Stempelung zu dokumentieren, die Zuordnung von Zensor-Nummer und Lokalisation der Dienststelle ermöglichen.


    Mit den Papierstreifen gab es Probleme. Zum einen waren sie alle in einheitlicher Grösse und darüberhinaus teils ohne Gummierung geliefert. Die dadurch beim Verschliessen erforderlichen Handgriffe verlangsamten die Bearbeitung erheblich. Es kamen daher Verschlussstreifen aus Zellophan (wie Tesafilm) in Gebrauch. Bei den Nummern der ersten Verteilung waren diese auf dem Streifen mit aufgedruckt (siehe den Brief aus Mexiko). Die Bevorratung von Klebestreifen mit 15,000 verschiedenen Nummern stellte ein nicht unerhebliches logistisches Problem dar.

  • Nach der neuen Zuteilung der Zensor-Nummern in etwa Oktober 1943, bei der die Nummernserien bis 75,000 ausgeweitet wurden, wurden die Nummern nicht mehr auf den Zellophanstreifen aufgedruckt. Nur noch die Worte "Examined By" waren vorgedruckt und die Zensor-Nummer wurde mittels Handstempel ergänzt.


    Brief aus El Salvador von September 1944 zensiert in New Orleans (Nr. 50363)


    Einschreibebrief aus Argentinien von März 1945 zensiert in New York (Nr. 6038 )


    Es kommen also bei den Zensor-Nummern aus der ersten Verteilung nur Verschlussstreifen aus Papier oder Zellophan mit aufgedruckter Nummer vor. Bei den Zensor-Nummern aus der zweiten Verteilung gibt es nur Verschlussstreifen, bei denen die Zensornummer mit Handstempel ergänzt ist. (Eine kleine Hilfe, falls mal die Jahreszahl im Stempel nicht gut zu lesen ist).


    Es gibt bei der US-Zivilzensur während des 2. Weltkrieges schon einige interessante Aspekte und durchaus "schöne" Belege. Falls gewünscht kann ich vielleicht noch mal kramen und sehen, ob ich noch was Zeigenswertes habe.

  • Super Beitrag!


    Wenn man nun noch die Postzensur der Amerikaner in Italien, die Zensur der amerikanischen Militärpost und die Postzensur der Amerikaner im besetzten Deutschland betrachtet, ergibt sich eine interessante Entwicklung der amerikanischen Postzensur mit ihren Verschlußzetteln und Zensorstempeln. Ich wusste bisher nicht, daß diese Entwicklung tatsächlich bei der Postüberwachung ziviler Post in den USA ihren Anfang hatte!


    Gruß
    Thomas

  • @tomwolf:


    In dem Zusammenhang würde ich mir als "Vorläufer" auch die US-Zensur in Europa und den USA im 1. Weltkrieg ansehen, bei der es auch unterschiedliche Entwicklungen gab, die z.T. parallel liefen.

  • @ soaha


    Ja. Da bist Du um das Tabellenerstellen noch einmal drumherum gekommen. Trotzdem vielen Dank fuer das liebe Angebot. Ich denke, wer einen entsprechenden Beleg hat, und seine Zensor-Nummer gegen die mitgeteilte Liste vergleichen will, kann das so wie es ist tun, auch wenn die Optik nicht optimal ist.


    @ TomWolf_de


    Zu den von Dir angesprochenen weiteren Taetigkeitsfeldern amerikanischer Zensur kann ich leider nicht mit hilfreichen Informationen dienen. Die Zivilzensur und die militaerische Zensur waren zwei getrennte Systeme, wobei die miltaerische Zensur dann nochmals fuer Army und Navy getrennte Organisationen hatte. Die Zensur nach dem Krieg waehrend der Miltaerverwaltung / Besatzungszeit hatte dann nochmals eine andere Grundlage.

  • Hier habe ich nun doch noch einen der Zensor-Handstempel gefunden.


    Am haeufigsten findet man die verschiedenen Arten von Zellophan- und Papierstreifen als Kennzeichen der Zensur. Dann kommen am haeufigsten runde Handstempel in dem untengezeigten Design vor, das allerdings nicht 100% genormt war. Fuer die Seltenheit / Bewertung kommt es natuerlich auch immer etwas auf den Verwendungsort an. Die hier handschriftlich eingetragene Nummer 12306 gehoert zur Zensurstelle in San Antonio, Texas.

  • Dieses hochinteressante Thema ist damals im Mai total an mir vorüber gegangen. Jetzt habe ich es mit grossem Interesse gelesen, und ich habe bereits meine Zensurbriefe, die meistens von Mexiko in die USA geschickt worden sind, den Nummern der 1. und 2. Zuweisung zugeordnet.
    Nun habe ich aber einen Brief dabei, wo ich Dich, Carolina Pegleg, um Rat fragen möchte.
    Dieser Brief von Mexico nach Buenos Aires vom 14.7.1942 hat die Zensur-Nr. 13043. Die Art des Briefverschluss (ganz untypisch für die USA) und der Schriftzug "Defensa Continental", lassen mich vermuten, dass es sich hier nicht um eine US-Postüberwachung gehandelt hat.


    Wenn es eine der USA gewesen war, wäre die Nummer 13043 Balbao. Ich kenne aber nur ein Balbao in Kolumbien.


    Was ist richtig?

  • Hallo saguarojo,


    freue mich zu lesen, dass dieser Beitrag doch jemandem geholfen hat.


    Meine spontane erste Einschätzung war, dass es keine amerikanische Zensur ist. Alleine schon weil es spanisch ist, und kein englisch. Nun ist die Zensornummer allerdings von Balboa, dem Hauptort der seinerzeit amerikanischen Panama-Kanalzone. Daher mag es sein, dass es vielleicht doch irgendein lokal hergestellter, behelfsmaessiger Verschlusstreifen ist, der von den standardisierten Verschlussstreifen abweicht. Ganz auszuschliessen waere es nicht, dass ein Luftpostbrief aus Mexiko nach Argentinien bei einem Zwischenstopp in der Kanalzone beim Durchgang zensiert wurde. Ich vermute, auf der Rueckseite gibt es sonst keine Stempel?


    Ich muss der Sache mal nachgehen. Ich bin derzeit unterwegs und erst naechstes Wochenende wieder zu Hause. Dann schaue ich mal, ob ich was in der Literatur finde.

  • Mit so einer schnellen Antwort habe ich noch garnicht gerechnet.
    Hier die Briefrückseite, es ist nur ein Ankunftsstempel und ein Nummernstempel zu sehen.


    Es würde mich sehr freuen, wenn Du genaueres über die Zensur herausfinden würdest.

  • @ saquarojo


    Der vollstaendige Text des Handstempels lautet "Abierta por la Censura / Defensa Continental / No _ _ _ _ _ _ ". Hier wurde die oberste Zeile aus irgendeinem Grunde nicht mit abgedruckt. Der Handstempel wurde auf Papier abgeschlagen, das als Verschlussstreifen verwendet wurde.


    Es ist ein amerikanischer Zensurstempel der Zensurstelle in Balboa, CZ. Bekannt von Juli bis September 1942 und mit Zensornummern 13046-13181. Dein Brief erweitert den Rahmen der bekannten Nummern also ein wenig. Ich wuerde dem nicht zuviel Bedeutung zumessen. Leider ist der Stempel nicht vollstaendig, aber trotzdem ein schoener Brief. In der Seltenheit sicher 20:1 zu den grossen Zensurstellen in New York, Miami oder New Orleans.

  • @ Carolina Pegleg


    Ganz herzlichen Dank für diese interessante Information. Das macht für mich den Brief noch wertvoller. Ich freue mich sehr.

    Viele Grüße von Saguarojo


    Sammler von Kakteen-Motiven auf Marken, Briefen,Ganzsachen,Maxis,Stempel.


    Briefe aus Duderstadt: Vorphilatelie und Altdeutschland

  • Ich habe noch mal eine Frage:
    Gibt es solche Zuweisungsnummern auch aus der Zeit des ersten Weltkrieg?

    Viele Grüße von Saguarojo


    Sammler von Kakteen-Motiven auf Marken, Briefen,Ganzsachen,Maxis,Stempel.


    Briefe aus Duderstadt: Vorphilatelie und Altdeutschland

  • Zitat

    Original von Saguarojo
    Gibt es solche Zuweisungsnummern auch aus der Zeit des ersten Weltkrieg?


    Ja, gibt es. Ich kann versuchen das Wenige, was ich zur Postueberwachung in den USA zur Zeit des 1. Weltkrieges weiss, einmal in einen neuen Beitrag zu organisieren. Ich habe ein Buch, wo die Nummern vielleicht gelistet sind. Werde ich mal nachschauen. Es gab bei der US Zensur 1. WK jedenfalls eine weitaus groessere Unuebersichtlichkeit der Stempelformen und Verschlussstreifen etc. und ich habe auch leider kaum Anschauungsmaterial dazu. Gleichwohl, ich werde versuchen dazu "gelegentlich" mal was zu schreiben, auch wenn es sicher nur oberflaechlich ist, hilft es vielleicht.

  • Das würde mich sehr freuen und mir sicherlich weiterhelfen.

    Viele Grüße von Saguarojo


    Sammler von Kakteen-Motiven auf Marken, Briefen,Ganzsachen,Maxis,Stempel.


    Briefe aus Duderstadt: Vorphilatelie und Altdeutschland