Francoersparnis bei Postvereinsdrucksachen

  • Der Postvereinsvertrag vom April 1850 sah für einfache Kreuzbandsendungen (später Drucksachen) eine entfernungsunabhängige Taxe von 1 Kr. bzw. 4 Silberpfg. vor. Waren schon diese beiden Ansätze nicht exakt gleichwertig, so galt das um so mehr bei weiteren Währungen.


    Sachsen rechnete mit Ngr., die zwar den Silbergroschen gleichwertig waren, jedoch in 10 statt 12 Pfennige aufgeteilt wurden.


    Die sächsische Drucksachentaxe von 3 Pfg. war folglich günstiger als die preußische (entsprechend der Postvereinsregelung) mit 4 Pfg.


    War dieser Vorteil bei einer einzelnen Sendung unbedeutend, so konnte er bei Auflieferung größerer Mengen durchaus ins Gewicht fallen.


    Das blieb den Korrespondenten natürlich ebensowenig verborgen wie den Postverwaltungen.


    Wahrscheinlich auf Veranlassung ausländischer Postverwaltungen untersagte die sächsische den Versand von Drucksachenpaketen an sächsische Postanstalten, sofern damit das Ziel verfolgt wurde, Einzelsendungen als Drucksachen aufzugeben.


    Möglich blieb gleiches Vorgehen mit Hilfe von Privatpersonen sowie die Mitnahme entsprechender Sendungen durch Reisende.


    Die gezeigte Karte stammte aus Preußen und wurde in Sachsen mit einem Bestimmungsort im taxis`schen Postbezirk aufgegeben.


    Es wäre interessant, vergleichbare Belege aus anderen Staaten zu sehen.

  • Lieber Altsax,


    das ist ja ein wunderschönes Stück, zu dem man dich nur beglückwünschen kann.


    Deine Interpretation teile ich aber nicht - diese Stücke wurden den Handlungsreisenden, hier aus Bielefeld, mitgegeben, und wenn sie unterwegs neue Adressen heraus bekamen, die als Handelspartner geeignet erschienen, dann verschickten sie ihre Blankokärtchen, Drucksachen oder Briefe mit dem Briefpapier aus ihrer Heimat (gerne auch mit Firmenstempel) eben von da, wo sie sich gerade aufhielten.


    Unter Kuvertierung versteht man das Versenden von sogenannten Offertbriefen, also ein Remailing des 19. Jahrhunderts (gab es sogar noch früher). Man sandte damals frankierte Briefe unter Kreuzband an die Adresse der Post vor Ort, nachdem man sie sonst hätte einzeln senden müssen.


    Die Post öffnete, warf das frankierte Kreuzband weg (daher sind keine mehr vorhanden, zumindest von Bayern) und gab die Rechnungen für 1 Kr. bzw. 3 Pfennige als Ortsbriefe einzeln auf.


    In Dehnung deines Titels zeige ich mal eine Karte von 1869, einer Zeit also, in der es noch gar keine Postkarten gab, die die bayerische Post in ihrer Unschuld von München nach Nürnberg sandte, und wegen des geklebten (Drucksachen-) Kreuzers sogar unbehelligt ließ.


    Tatsächlich stammte sie aus dem sächsischen Schweizerthal bei Burgstädt und belegt die von mir o. a. Tatsache der Postaufgabe von Orten, in denen man gerade Handel trieb.


    Liebe Grüsse von bayern klassisch

  • Zitat

    Original von Altsax
    Der Postvereinsvertrag vom April 1850 sah für einfache Kreuzbandsendungen (später Drucksachen) eine entfernungsunabhängige Taxe von 1 Kr. bzw. 4 Silberpfg. vor. Waren schon diese beiden Ansätze nicht exakt gleichwertig, so galt das um so mehr bei weiteren Währungen.


    Auch wenn das gewünschte ich nicht zeigen kann, hat meine Frage auch etwas mit Franco-Sparen (zumindest den Versuch) zu tun.


    Denn die Einleitung von Altsax ist eine Steilvorlage für eine Frage an bayern klassisch:


    Es geht noch um das Streifband mit der Schwarzen Eins gestempelt in Landshut 5. Okt. 1851 nach Leipzig und mit einer Ergänzungstaxierung von 4 Ngr. versehen ist. Im Büchlein “Schwarzer Einser” Zum 150jährigen Jubiläum von J. Helbig/J. Vogel werden noch Zweifel genannt, ob das mit der Frankatur so ursprünglich war. Dann zum Schluß: “Schade, dass wir unter diesen Umständen das Streifaband nicht in die Hitliste dr “ausländischen Verwendungen” von Schwarzen Einsern aufnehmen können” .
    Sind diese Bedenken jetzt ausgeräumt, derForschungsstand nach über 9 Jahren jetzt ein anderer und aus dem häßlichen Entlein, ein stolzer Schwan geworden?


    Das Streifband ist auf Seite 82 in sw abgebildet. Es ist das gleiche, das jetzt bei Kirstein & Larisch unter den Hammer kam. Ich weiß nicht, ob ich das Bild einstellen darf (Copyright?).


    Grüße von Luitpold

  • Lieber Luitpold,


    ich halte das angesprochene Poststück für echt. Aber dieser Thread bezieht sich nicht auf dergleichen, sondern auf das Remailing der damaligen Zeit.


    Vielleicht fragst du mal bei Kirstein nach, ob du das Foto und das Attest von Frau Brettl, welches mir vorlag, hier einstellen darfst. Dann aber bitte in einem neuen Thread, damit die Zuordnung leichter fällt.


    Liebe Grüsse von bayern klassisch, der jede Steilvorlage annimmt ...

  • Zitat

    Original von bayern klassisch
    Deine Interpretation teile ich aber nicht - diese Stücke wurden den Handlungsreisenden, hier aus Bielefeld, mitgegeben, und wenn sie unterwegs neue Adressen heraus bekamen, die als Handelspartner geeignet erschienen, dann verschickten sie ihre Blankokärtchen, Drucksachen oder Briefe mit dem Briefpapier aus ihrer Heimat (gerne auch mit Firmenstempel) eben von da, wo sie sich gerade aufhielten.


    Lieber bayern klassisch,


    selbstverständlich kann man einem einzelnen Beleg nicht ansehen, was den Absender zur Aufgabe gerade an einer bestimmten Postanstalt bewogen hat.


    Die von Dir beschriebene Vorgehensweise war mit Sicherheit bei Handlungsreisenden üblich und verbreitet.


    Gleichwohl existiert ebenso das Motiv der Portoersparnis, das immerhin die sächsische Postverwaltung bewogen hat, den eigenen Postanstalten den Einzelversand von ihnen gesammelt zugesandten Drucksachen zu untersagen.


    Auch im Grenzbereich zu Sachsen angesiedelte Korrespondenten nutzten die Taxdifferenz, wie die folgende Streifbandsendung zeigt.


    Liebe Grüße


    Altsax

  • Lieber Altsax,


    jetzt gehen wir wieder konform.


    Sind sehr schöne Stücke und die Reaktion der sächsischen Post lässt nur 2 Interpretationen zu:


    1) Man hat von Preußen "Druck" bekommen, weil dessen Ärar durch die so entgangenen Einnahmen negativ saldierte, oder


    2) hat Sachsen mit den 3 Pfennigen kaum etwas an den Drucksachen verdient, so dass man die Mühe für die eigenen Leute auf sich nehmen musste, für "Fremde" dies aber nur ungern tat.


    Kuvertierungen Sachsen - Bayern sind dünn gesät, Württemberg, Preußen und von Taxis sind sie bedeutend häufiger.


    Wenn du mal einen bayerischen Brief in die Finger bekommst, der aus Ersparnisgründen in Sachsen zur Post gegeben wurde, wäre ich interessiert ... andersherum natürlich auch!


    Liebe Grüsse von bayern klassisch

  • Zitat

    Original von bayern klassisch
    die Reaktion der sächsischen Post lässt nur 2 Interpretationen zu:


    1) Man hat von Preußen "Druck" bekommen, weil dessen Ärar durch die so entgangenen Einnahmen negativ saldierte, oder


    2) hat Sachsen mit den 3 Pfennigen kaum etwas an den Drucksachen verdient, so dass man die Mühe für die eigenen Leute auf sich nehmen musste, für "Fremde" dies aber nur ungern tat.


    Lieber bayern klassisch,


    es müssen gar nicht die bösen Preußen (alleine) gewesen sein, die "Druck" machten. Ich meine mich erinnern zu können, gelesen zu haben,daß dieses Thema bei einer Konferenz der Postvereinsstaaten zur Sprache gekommen ist.


    Die "sächsische Lösung" war recht pragmatisch:


    Mit dem Verbot an die eigenen Postanstalten, das Verfahren zu unterstützen, genügte man den Forderungen der betroffenen Postverwaltungen.


    Die Duldung der ohnehin schwer zu kontrollierenden privaten Praktik vermehrte die Einnahmen der eigenen Postkasse.


    Da die der Post entstehenden Beförderungskosten weitestgehend Fixkosten, also vom Korrespondenzvolumen nahezu unabhängig waren, brachten die zusätzlichen Drucksachen nicht nur Umsatz, sondern auch Ertrag.


    Liebe Grüße


    Altsax

  • Lieber Altsax,


    ganz deutlich wurde das Sparverhalten auch ohne den telegenen Aufruf eines Elektrogroßhändlers im Großherzogtum Baden geschrieben, womit man den verhassten Schwaben in gehörigem Maße Konkurrenz machte.


    Vorwort zum 1. Brief:


    Bayern hatte zum 1.8.1865 seine Inlandsgebühren stark herabgesetzt:


    Inenrhalb ganz Bayerns kosteten Briefe bis 1 Loth nur noch 3 Kr. (zuvor über 12 Meilen 6 Kr.) und darüber hinaus bis 15 Loth (!) nur noch 6 Kr. (statt wie zuvor je Loth den vollen einfachen Satz).


    Am 5.8.1865, die Druckfarbe des bayer. Verordnungsblattes war noch dem sommerlichen Trocknungsvorgang unterworfen, schrieb man von Mannheim einen einfachen Brief nach Ichenhausen bei Günzburg. Bis zum 31.7.1865 hätte er von der Pfalz aus 6 Kr. gekostet, von Mannheim aus aber schon 9 Kr., da er über 20 Meilen lief. Nun kostete er nur noch 3 Kr. - da war der sommerliche Spaziergang über die Brücke nach Ludwigshafen am Rhein das Sahnehäubchen obendrauf.


    Etwas anders lief es am 23. März 1871 in Mannheim. Man sandte einem Nürnberger Geschäftsmann in einer Warenlieferung Briefe zu, die jener dort gegen Verrechnung als Ortsbrief mit nur einem Kreuzer frankiert zur Aufgabe bringen sollte, was er am Folgetag auch tat.
    Ab dem 1.1.1868 kosteten einfache Briefe bis 1 Loth entfernungsunabhängig nur noch 3 Kr., so dass die Ersparnis in diesem Falle noch immerhin 2 Kr. betrug. Betrug war es aber in jedem Fall - denn Briefschaften durften Warensendungen nicht beigelegt werden.


    Liebe Grüsse von bayern klassisch

  • Lieber bayern klassisch,


    diese beiden Belege sind wunderbare Beispiele dafür, daß auch unscheinbare Briefe mit gängigen Frankaturen eine genauere Betrachtung wert seien können.


    Wer vor Altdeutschland Angst hat, weil er sich "das Sammelgebiet doch nicht leisten kann", hat hier den Beweis dafür, daß sich finanzielles Potential zumindest teilweise durch postgeschichtliche Kenntnisse kompensieren läßt.


    Liebe Grüße


    Altsax

  • Lieber Altsax,


    genau meine Rede.


    Die Katalogpreise für unsere Stücke gibt es im Michel nicht - teuer ist somit relativ. Und AD muss nicht teuer sein, wenn man bedenkt, welch wunderbare Stücke für relativ wenig Geld auch oder gerade heute noch zu bekommen sind.


    Das Maß aller Dinge in der Philatelie und PO ist und bleibt die Beschäftigung mit der Materie - nicht das Abhaken im Katalog oder das Zusammentrage von Dubletten, um sich reich zu rechnen.


    Wer sich mit den Dingen wirklich beschäftigt, wird nicht enttäuscht werden, erhält erhellende Einblicke in eine andere, weil vergangene Welt, und kann auch heute noch, 140 Jahre nach dem Auslaufen dieser ungemein interessanten Epoche, fast jede Woche oder Monat Entdeckungen machen, mit denen nicht zu rechnen war.


    Wenn es gewünscht wird, kann ich ja noch ein paar weitere Beispiele mit Ersparnischarakter von anderen Staaten folgen lassen - so schnell geht mir das Pulver nicht aus ...


    Liebe Grüsse von bayern klassisch