Kaffee gegen Frankenauer Briefmarke

  • Frankenau: Vor 60 Jahren wurde ein Notpostwertzeichen in Umlauf gebracht
    Kaffee gegen Frankenauer Briefmarke


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    FRANKENAU. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs hatte Frankenau als einzige nordhessische Gemeinde eine eigene Briefmarke. Walter Exner brachte das Notpostwertzeichen vor 60 Jahren in einer Auflage von 1540 Exemplaren heraus. Im Umlauf war es ganze drei Wochen. Heute sind die Marken ohne Zahnung oder Wasserzeichen begehrte Sammlerobjekte. Briefmarkenfreunde aus aller Welt legen für eine 12- oder 24-Pfennig-Marke mehrere hundert Euro auf den Tisch.



    Lisl Exner erinnert sich in ihrem Haus in Bad Wildungen an die Entstehung der Notpostwertzeichen, die ihr 2003 verstorbener Mann Walter im Handdruck angefertigt hatte. Nach dem Zweiten Weltkrieg herrscht Not - auch in den Postämtern. Briefmarken sind knapp. Der Postbote in Frankenau in der amerikanischen Besatzungszone schreibt auf jeden Brief per Hand: "Gebühr bar bezahlt." Das beobachtet Walter Exner. Der Kunsthändler und Verleger will die zeitraubende Arbeit erleichtern und hat auch sofort die Lösung parat: Eine Ersatzbriefmarke muss her. Gesagt, getan. Die Behörden geben ihre Genehmigung. Landarzt Dr. Wilhelm Brandes entwirft zwei Marken zu 12 Pfennig für Postkarten- und 24 Pfennig für das damalige Briefporto und fertigt den Bleischnitt dafür an. Walter Exner druckt die Marken per Hand. 20 Bögen mit insgesamt 900 Marken zu 12 Pfennig und 640 Notpostzeichen zu 24 Pfennig werden hergestellt. Die privaten Gebührenzettel aus dem Handdruck sind genauso gültig wie andere Briefmarken in Deutschland. Verwendet werden sie unter anderem von der Stadtverwaltung. Einige Marken verkauft Walter Exner nach Amerika. Dafür gibt es in der entbehrungsreichen Nachkriegszeit Kaffee und Lebensmittelpakete, die er in Deutschland gegen Postkarten eintauscht. Und die handelt er gegen Bücher ein. "Damit haben wir unsere Asien-Bibliokthek aufgebaut", sagt Lisl Exner rückblickend. Walter Exner, der spätere Begründer des Asien-Instituts, das zunächst in Frankenau und später in Bad Wildungen betrieben wurde, erweiterte seine Büchersammlung im Laufe der Jahre auf 13-000 Exemplare. Allein 2000 Bände aus China stehen in den Regalen.Die Frankenauer Notpostwertzeichen sind nur ganze drei Wochen im Umlauf. Dann zieht die amerikanische Militärregierung die Genehmigung plötzlich wieder zurück. Ob frankiert mit Briefmarke oder dem handschriftlichen Vermerk "Gebühr bezahlt" - viele Postsendungen blieben in den Nach?kriegs?wirren auf der Strecke oder legten große Umwege zurück. Lisl Exner erinnert sich schmunzelnd an den Briefverkehr mit Verwandten ihres Mannes. "Es war unmöglich, einen Brief direkt aus Frankenau an den sowjetisch verwalteten Bezirk in Wien zu schicken." Aber die Post kommt trotzdem an - über den "großen Teich" in die Alpenrepublik. Die Briefe schickt das Frankenauer Ehepaar an einen Schulfreund des Vaters von Walter Exner, der in den USA lebt, und er leitet die Briefe dann von Amerika nach Wien weiter. Das ist alles längst ein Stück Geschichte. In welche Länder auf dem Globus die Frankenauer Briefmarken gingen, das weiß die Witwe des Herausgebers nicht. Zwei Originalmarken befinden sich noch in ihrem Besitz, und die Bad Wildungerin freut sich über die Repliken, die von der Bundesarbeitsgemeinschaft Aktie Philatelie im Jahr 1996 herausgegeben wurden. Mehr in der FZ vom 27. April 2006.



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