Briefmarken des Schreckens

  • 370 000 Betroffene, bis zu fünf Milliarden Euro Schaden: Ein Anlagebetrug mit Briefmarken in Spanien erreicht gigantische Ausmaße


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    Spaniens Kronprinz Felipe und Letizia Ortiz auf einer 27-Cent-Briefmarke



    Das New Yorker Wirtschaftsmagazin Barron's hatte einen guten Riecher. Genau vor einem Jahr hatte ihr Reporter Neil A. Martin einem Vertreter der spanischen Vermögensverwaltungsgesellschaft Afinsa einen Satz älterer Briefmarken unter die Nase gehalten und um eine Expertise gebeten. Das Ergebnis war erschütternd. David Peña, einer der Top-Einkäufer, hielt die Postwertzeichen für wertlos. Wie er denn zu der dubiosen Ware gekommen sei, wollte der Spanier von dem Scheinkunden wissen. "Die habe ich von Ihrer Firma gekauft", war die Antwort. Bei diesem Vorgang hatte der Wert angeblich 600 Dollar betragen.


    Es hat trotz dieser Enthüllungsgeschichte ein ganzes Jahr gedauert, bis das Kartenhaus eingestürzt ist und das wohl größte Schneeballsystem der Welt enttarnt wurde. Die beiden auf Geldanlage in Briefmarken spezialisierten Finanzhäuser Afinsa und Forum Filatélico sind in der vergangenen Woche von den Justizbehörden durchsucht worden. Fast die ganze Führungsspitze beider Unternehmen sitzt in Haft. Bis zu 370 000 Anleger sind betroffen, der Gesamtschaden soll mindestens rund 3,5 Mrd. Euro betragen. Manche Quellen sprechen auch von fünf Mrd. Euro. Halbe Dörfer haben ihre Ersparnisse verloren.



    Die Geschäftsmodelle bei Afinsa und Forum Filatélico waren weitgehend identisch. Beide haben mehr als zwanzig Jahre lang ganz gewöhnliche Briefmarken als Sammlerstücke ausgegeben und Depots davon an Kleinanleger verkauft. Die zu erwartende Rendite lag immer knapp über dem, was bei konservativer Anlage bei Banken zu erzielen gewesen wäre. Und der Vertrieb funktionierte im wesentlichen über Anleger, die Erfolgsprovisionen kassierten, wenn sie weitere Anleger warben.


    Wie in den meisten Systemen dieser Art wandten die sich erst an Verwandte, Freunde und Nachbarn. Die allermeisten hatten weder von Philatelie noch von Geldanlage Ahnung. Sie hatten nur ein Beispiel vor Augen, das scheinbar Erfolg ohne Mühe versprach.


    Nur so ist es zu erklären, daß etwa in einem Ort wie dem 50 Kilometer von Madrid entfernten Colmenar Oreja 3000 der 8000 Einwohner in Briefmarken investiert haben und im andalusischen Dosbarrios die Hälfte der 2400 Köpfe zählenden Einwohnerschaft um ihre Ersparnisse bangt.


    Mit den Einnahmen aus den neu geworbenen Kunden wurden offenbar die Zinsversprechungen an die alten Anleger eingelöst. Da es keinerlei Anzeichen einer Krise gab, kam auch selten jemand auf die Idee, sein Depot aufzulösen. Und für die wenigen Fälle, in denen dies geschah, haben auch die neuen Kunden bezahlt.


    Dabei hätten schon einfachste Kontrollen den Schwindel auffliegen lassen können. Afinsa mit seinen 4000 Mitarbeitern hat zwischen 1998 und 2002 Briefmarken im Wert von 57 Millionen Euro erworben und für 723 Millionen unter den Kunden plaziert. Die in den Kundendepots für die vorgeblichen Sammlerstücke angegebenen Preise lagen bis zu 900 Prozent über denen, die in einschlägigen Katalogen angegeben waren.


    Doch zu dieser Art von Kontrolle waren die meisten der Anleger aus zu einfachen Verhältnissen. Ein Rentner aus Madrid, zuvor in einer Molkerei tätig, erzählte der Tageszeitung "El País", er habe seine ganzen Ersparnisse - 60 000 Euro - angelegt. "Wie hätten wir den Schwindel erahnen können." Er ist ein Musterbeispiel für die Opfer.




    Ein weiterer Vorteil für die mutmaßlichen Betrüger liegt darin, daß die Aufsichtsbehörden versagt haben. Erste Indizien für unsaubere Geschäfte gab es schon 1998. Für Geldanlage in Briefmarken fühlt sich weder die Finanzaufsicht noch die Zentralbank zuständig. Beim Ministerium für Gesundheit und Konsum ist man sich auch nicht sicher. Der Ursprung für diese Unsicherheit liegt in einer Gesetzesnovelle 2003. Die wurde nach dem letzten Finanzskandal in Spanien noch unter der konservativen Regierung Aznar auf den Weg gebracht, was erklärt, warum die Konservativen wegen des Skandales bisher sehr verhalten in ihrer Regierungskritik sind. In der Novelle wurde die Finanzaufsicht zwar verschärft, die Anlage in Briefmarken und anderen Wertgegenständen aber lediglich in einem Zusatz und äußerst unklar behandelt. Die Zentralregierung geht nun davon aus, die Bundesländern vergleichbaren Comunidades Autónomas seien zuständig. Die wollen davon aber nichts wissen.


    So ist es kein Wunder, daß das Geschäft der beiden Firmen blühte. Die 1600 Agenten von Forum Filatélico, haben 2005 rund 800 Mio. Euro von unbedachten Anlegern eingesammelt und einen scheinbaren Gewinn von 89 Mio. Euro erzielt. Beide Firmen leisteten sich teure Repräsentanzen in allen großen spanischen Städten. Die Führungskräfte wurden offenbar gut entlohnt. In der Wohnung eines der jetzt Festgenommenen sollen sich zehn Mio. Euro in bar befunden haben.




    Auch Afinsa blickt auf eine Vierteljahrhundert Geschichte zurück. Ins Leben gerufen wurde die Firma vom Portugiesen Albertino de Figueiredo, der sein Land 1965 verließ. Zehn Jahre später, nach der Nelkenrevolution holte er sein Vermögen in Form von Briefmarken aus der Heimat, der damals einzigen Möglichkeit, Geld ins Ausland zu transferieren.


    Heute besitzt der 75jährige ein immenses Vermögen, hat Residenzen in Madrid, Paris, Monte Carlo und Pamplona, eine einzigartige Kunstsammlung, zwei Galerien in Madrid und eine weitere in Porto. Die Briefmarken seien immer nur eine Nebenbeschäftigung, eine Art Leidenschaft gewesen. Hauptberuflich arbeitete er jahrzehntelang als Ingenieur in einer Autofabrik.


    Freuen dürfen sich nun die wirklichen Sammler. Denn angesichts der bevorstehenden Briefmarkenschwemme und des erschütterten Anlegervertrauens können sie sich bald mit Marken eindecken. Die Experten gehen von einem dramatischen Preisverfall aus.



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