Nazi-Jäger Wiesenthal war auch Briefmarkensammler

  • WIESBADEN (dpa) Er brachte den Holocaust-Organisator Adolf Eichmann vor Gericht und enttarnte rund 1100 weitere NS-Täter. Aber der berühmte „Nazi-Jäger“ Simon Wiesenthal hatte noch eine zweite Leidenschaft: So unermüdlich er Jahrzehnte lang Informationen über untergetauchte Kriegsverbrecher sammelte, so akribisch füllte er nebenher Album um Album mit Briefmarken. Nun kommt das philatelistische Vermächtnis des vor acht Monaten gestorbenen KZ-Überlebenden unter den Hammer – in Wiesbaden, denn dort sitzt das von Wiesenthal noch zu Lebzeiten ausgewählte Auktionshaus Heinrich Köhler.


    Als er 1945 von den Amerikanern befreit wurde, hatte der osteuropäische Jude zwölf Konzentrationslager hinter sich und alle Familienangehörigen außer seiner Frau verloren. Sofort machte er sich an den Aufbau eines Dokumentationszentrums zur Juden-Verfolgung. Doch seine Erlebnisse ließen ihm nachts keine Ruhe. „Er fing mit dem Briefmarkensammeln an, weil er große Schlafprobleme hatte“, sagt Geschäftsführer Dieter Michelson vom Auktionshaus Köhler. „Der Arzt stellte ihn vor die Wahl: Entweder Tabletten nehmen, oder sich ein Hobby suchen.“ Und das Hobby betrieb er mit der Hartnäckigkeit, die er auch sonst an den Tag legte: „Simon Wiesenthal war in Wiener Philatelisten-Kreisen sehr bekannt“, sagt Michelson.


    Sogar bei seinem größten Erfolg sollen Briefmarken eine Rolle gespielt haben. Angeblich halfen ihm Philatelistenfreunde dabei, 1953 den Holocaust-Planer Adolf Eichmann in Argentinien aufzuspüren. Mit Wiesenthals Informationen startete der israelische Geheimdienst eine Entführungsaktion. Eichmann wurde 1961 in Jerusalem zum Tod verurteilt.


    Seine Briefmarken-Alben aber widmete Wiesenthal etwas anderem als der Nazi-Jagd: In ihnen archivierte er seine osteuropäische Heimat Galizien. Lange Zeit politisch zwischen Russland und Österreich-Ungarn aufgeteilt, waren dort russische, österreichische und ungarische Marken im Umlauf. Wiesenthal begnügte sich nicht mit Einzelstücken. Sein Ziel waren ganze Serien. Möglichst wollte er jede Marke mit jedem Orts-Stempel dokumentieren, so dass eine Karte ihrer Verbreitung entstand. „Es ist seine Heimat, was er da gesammelt hat“, sagt Karl Louis vom Auktionshaus Köhler.


    Louis schreibt der Sammlung vor allem kulturhistorische und ästhetische Bedeutung zu. Die Taxwerte des Katalogs summieren sich auf etwa 350 000 Euro, was in Philatelisten-Kreisen nicht gerade rekordverdächtig ist. Schließlich hat Köhler – nach eigenen Angaben Deutschlands ältestes Auktionshaus – schon mal eine einzelne Marke für 2,2 Millionen Mark versteigert. Einen Gesamterlös von 70 Millionen Mark erzielte gar die US-amerikanische Boker-Sammlung.


    Diese sich über Jahre hinziehende Mammut-Auktion erregte damals auch Wiesenthals Aufmerksamkeit. Ihm gefiel der Respekt, mit dem die Wiesbadener die Sammlung behandelten. Dasselbe wünschte sich Wiesenthal für seine eigenen Alben. Louis kennt die Gefühlswelt von Philatelisten: „Eine Sammlung ist ein Lebenswerk. Da hat ein Mensch unglaublich viel Zeit investiert.“


    Die erste Präsentation der Sammlung ist für den 30. Mai geplant, die eigentliche Versteigerung für den 27. Oktober. Der Sonderkatalog ist im Druck. „Wir sind uns der Verantwortung bewusst“, sagt Michelson. Er rechnet mit einer großen Nachfrage. In Osteuropa gebe es inzwischen viele zahlungskräftige Sammler, die zurückholen wollten, was während des Kalten Krieges in den Westen gelangt sei. Es gebe Auswanderer, die – ähnlich wie Wiesenthal selbst – Erinnerungsstücke an die Heimat suchten. Und schließlich rechnet Michelson mit Bewunderern Wiesenthals, die sich auch für diesen Aspekt seines Lebenswerks interessieren.




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