Landbriefträger

  • Lieber bayern klassisch,


    auch bei der preußischen Post wurde normalerweise der Geldbetrag erst nach dem Einkassieren ausbezahlt.
    Es gab Ausnahmen bei bestimmten Institutionen oder Gesellschaften, aber dann musste eine Kaution hinterlegt werden. Hierzu war eine Genehmigung der Ober-Post-Direktion erforderlich.


    Da die zustellende Post diese Einzelfälle nicht immer wissen konnte, muß es einen geregelten Ablauf für diese Fälle (Unzustellbarkeit des Postvorschußbriefes) gegeben haben.
    Bei einem der beiden gezeigten Briefe wurde davon abgewichen ...


    Viele Grüße
    Michael

  • Hallo zusammen,


    LBT sind in der Tat nicht häufig. Dennoch hatte ich das unverschämte Glück vor einigen Jahre zwei Landbrieträger-Vorweise (beide aus Februar 1875) zu bekommen, die alle im Landbestellbereich von Tölz verwendeten Landbriefträger-Stempel dokumentieren. :)
    Auf gelaufenen Belegen kann ich sie leider noch nicht nachweisen. Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. :)


    Beste Grüße und einen schönen Tag
    Postgeschichte-Kemser

  • Hallo P-K,


    das sind beides Traumstücke. :P:P:P


    Diese Vorweise blieben oft nur erhalten, weil sich in Nachhinein Probleme im Zusammenhang mit ihnen ergaben und sie dafür vom OPA oder Bezirksamt angefordert wurden und in den Akten verblieben.


    Ich wünsche dir viel Glück, mal einen Brief mit diesen höchst seltenen späten Ruralstempeln zu ergattern. Wählerisch solle man da nicht sein.


    Liebe Grüsse von bayern klassisch

  • Hallo P-K,


    diese späten Ruralstempel sind viel seltener, als die frühen Ruralstempel, weil in den siebziger Jahren immer mehr Poststellen eröffnet wurden, so dass die Landzustellbezirke der Postexpeditionen (PE) zwangsläufig kleiner wurden.


    Daher hatten die LBT auch nur kleinere Routen abzulaufen, und nicht mehr welche mit 20 Stationen, wie man an Hand deiner vortrefflichen Stücke sehen kann.


    Gleichzeitig wurden die Bahnverbindungen immer besser, so dass auch von daher für Korrespondenten aus kleinen Orten der Einwurf in den Briefkasten der Bahnpost immer naheliegender wurde.


    In meiner sicher nicht kleinen Sammlung habe ich nur einen Brief mit einem späten Ruralstempel und auch nur wenige Briefe damit überhaupt gesehen.


    Wie man deinen beiden Vorweisen entnehmen kann, hingen auch nicht mehr alle Ruralstempel in den Briefkästen, weil sie entweder defekt waren, oder im Lauf der Jahre verschwunden sind. Auch von daher konnte ein Brief, der eigentlich einen späten Ruralstempel hätte tragen müssen, keinen mehr aufweisen.


    Was ich schon bei mehreren späten Nachweisen beobachten konnte, ist das Fehlen von Stempeln, für die kein Ersatz beigeschafft wurde. Da der Erwerb und die Unterhaltung dieser Holzbriefkästen der jeweiligen Gemeinde oblag, wird diese die Kosten für einen Poststempel gescheut haben. Die Gemeinden wollten nicht, die Post brauchte nicht und der LBT konnte nicht das Geld dafür ausgeben, weil er die "ärmste Sau im Stall" war.


    Die allermeisten Briefe mit diesen späten Stempeln sind Dienstbriefe kleinster Behörden. Auf frankierten Orts- oder Fernbriefen (vom Ausland wage ich gar nicht zu sprechen) sind sie denkbar knapp und für 99% der Heimatsammler schlicht nicht zu bekommen. Da geht eindeutig Angebot vor Geld, nicht wie beim Schwarzen Einser. ;)


    Liebe Grüsse von bayern klassisch

  • Lieber bayern klassisch,


    herzlichen Dank für Ihre ausgezeichnete Erläuterung
    zu den Ruralstempel (Land-Briefkastenstempel) in
    Bayern. Zur Information möchte ich hinweisen, daß
    zu den Land-Briefkastenstempel in Bayern von 1860
    bis 1889, Herr Friedrich Pietz eine 58 DIN A4 Seiten
    starke Beilage im Heft 10 / 2002 der ArGe Bayern e.V.
    veröffentlichte.
    Hier kann man u.a. nachlesen, was unser Bayernexperte
    "bayern klassisch" zu den beiden sehr seltenen Vorweisen
    von "Postgeschichte-Kemser" erläuterte.


    Beste Grüße,
    VorphilaBayern

  • @bayern-klassisch, Hermann,


    herzlichen Dank Euch beiden für die Ausführungen und danke an Michael für's Kompliment.


    mr920
    - ich seh das nicht so "streng" - ich finde es eher positiv, wenn man einen neuen Fachbegriff für ein und den selben Sachverhalt kennen lernt und es ist doch schön, wenn man jeden Tag dazulernen darf - oder ? Wenn er mir wieder über den Weg läuft, weiß ich wenigstens, wovon gesprochen wird. :)


    Einen schönen Abend und noch viele schöne Belege !
    Postgeschichte-Kemser

  • Zitat

    Original von bayern klassisch
    Hallo P-K,


    diese späten Ruralstempel sind viel seltener, als die frühen Ruralstempel, weil in den siebziger Jahren immer mehr Poststellen eröffnet wurden, so dass die Landzustellbezirke der Postexpeditionen (PE) zwangsläufig kleiner wurden.


    ...
    Liebe Grüsse von bayern klassisch


    Hallo bayern klassisch,


    Frage am Rande: ab wann sind denn die Ruralstempel nachweisbar, welche Daten zeigen die frühesten bekannten Belege?
    Gibt es zu ihrer Einführung eine offizielle Verordnung?

  • Hallo mikrokern,


    es gibt VO hierüber, in denen steht, dass in den Briefkästern diese Ruralstempel aushängen.


    Theoretisch müsste es daher in der Pfalz ab 1.10.1858 und im restlichen Bayern ab 1.10.1860 Briefe mit diesen Stempeln geben.


    Einen "Ersttag" hat aber keiner bisher nachweisen können, wenngleich ich nicht daran zweifle, dass in der Masse der Fälle tatsächlich die Stempel auch vorhanden waren.


    Peter Sem gibt, glaube ich, Nachweise zu den Daten anhand der bekannten Vorweise an. Die Aufarbeitung der Ruralstempel ist denkbar mühevoll und zeitaufwändig. Dazu ist das Material sehr dünn gesät.


    Da sich die Touren der LBT häufig änderten und viele Orte vom Bestellbezirk einerr Postexpedition zum Bestellbezirk einer anderen Postexpedition (und dann auch mal wieder zurück) wechselten, sind alle zeitlichen Aussagen als höchst limitiert anzusehen.


    Bei der Errichtung neuer Expeditionen war es oft ein Politikum, wem welche Gemeinden zugeschlagen wurden. In der Pfalz gab es sogar Fälle von Anzeigen beim OPA Speyer, deren Hintergrund und Informationgehalt durch stasiähnliche "Ermittlungsarbeiten" zustande gekommen waren und deren einziger Zweck es war, andere Expeditoren zu diskreditieren. Hierbei wurde nicht mal vor Unterschlagungen zurück geschreckt.


    Die "gute, alte Zeit" war eben nicht immer so gut, wie manche sie heute sehen wollen ...


    Liebe Grüsse von bayern klassisch

  • @pgkemser
    Also ich finde kein Wort von Ruralstempel im Handbuch von Peter Sem. Es muß sich bei dieser Wortschöpfung wohl um eine Erfindung von "bayernklassisch" handeln.
    Immerhin, es hört sich ganz schön wichtig an. Wenn es dem Wohlbefinden hilft....

  • mr920 - bei allem Respekt vor der Arbeit eines Peter Sem - ABER, er ist nicht der "liebe Gott" und sein Handbuch auch nicht die "Bibel".


    Das gesamte Sammelgebiet Bayern hat sich in den letzten Jahren erfreulich facettenreich weiterentwickelt, insbesondere wenn ich postgeschichtliche Aspekte betrachte.
    Insofern sehe ich Begriffe wie "steht nicht im Sem" oder im "xy - nicht gelistet" usw. sehr differenziert. Und kartenhai hat uns ja schöne Anhaltspunkte geliefert, warum "Briefträgerstempel" auch anders benannt werden könnten. Ich halte es da mit Friedrich dem Großen: Jeder nach seiner Facon... :)


    Schöne Grüße
    Postgeschichte-Kemser

  • mr920 - ich befasse mich nun schon seit längerer Zeit mit Briefen und postgeschichtlichen Belegen im Allgemeinen und freue mich immer, wenn ich dazulernen kann.
    In diesem Forum hier bin ich jedoch ein relativer "Jungspund", deshalb können Sie mir sicher weiterhelfen, wo ich Ihre postgeschichtlichen Beiträge in diesem Forum finden kann.


    Mit freundlichen Grüßen
    Postgeschichte-Kemser