Briefmarkenhaus Krüger

  • In der heutigen Münchner Merkur fand ich die nachfolgende Todesanzeige vor. Lothar Krüger führte viele Jahr lang das bekannte Münchner Briefmarkenhaus Krüger sehr erfolgreich, er war seinerzeit ein Marketing-Experte erster Güte und gab vierteljährlich die interessante Firmen-Post "Unter uns" heraus. Erst nachdem Herr Krüger seine Firma an seinen Prokuristen verkauft hatte, ging es mit dem Unternehmen wegen Betrügereien den Bach herunter, bis es schließlich Insolvenz anmelden mußte.


    Gruß kartenhai

  • Durch einen Freund bin ich um 1987/88 einmal in der Villa von Lothar Krüger gelandet. Da saß ein wuchtiger Mann am Biedermeier-Schreibtischchen und skizzierte Werbeaussendungen in Postkartenformat. Neugierig fragte ich, was er da mache und schon erklärte er freimütig sein Business: Er werbe gerade für WWF-Briefmarken; er kaufe vom WWF für "nen Klicker und nen Knopf" die Namensrechte und schon glaubten die Leute, sie würden mit den Briefmarken was für die Natur, die Umwelt, den Regenwald oder sonstwas für den WWF tun; dabei ginge alles in seine Tasche. Er erklärte bei welchen Adress-Verlagen er zig-hunderttausend Adressen er wie selektiert einkauft (damals bei Schober, erinnere ich mich noch), wieviel Promille davon bestellen und wie lange dann die Abos der Briefmarken automatisch jeden Monat wieviel Geld bringen. Damit finanzierte er einen aufwändigen Lebensstil mit pompöser Villa in München Grünwald, in der ja diese Unterrichtsstunde in Direktmarketing stattfand, ca. 20 teuerste Sportwagen (hauptsächlich vom soeben mysteriös umgekommenen Porsche-Tuner Gemballa in giftgelb) und als Hobby schöne Jungs, die ihn umgaben und dafür auch mal Ferrarri fahren durften. Schließlich folgte noch ein Spaziergang an der Isar, hinter der Villa im Tal verlaufend, ich glaube mit Hund und weiteren interessanten Details, in denen er aber auch nicht zu erwähnen vergass, dass 5 Millionen (damals D-mark) für ihn ja nun leicht aufzubringen wären, wenn's mal nötig sei, dass das bevorstehende Geschäft mit Sammler-Telefonkarten (wer erinnert sich noch?) garnicht zu ermessen wäre und Briefmarken dagegen garnichts seien. Ich hatte den Eindruck, dass an Allem viel Wahres dran ist, dieser Lothar Krüger aber gerne ein bisschen übertreibt und alles vielleicht nicht ganz so stabil ist, wie er es darzustellen vermag. Nach den wenigen Stunden in Gründwald kam ich nie wieder in die Villa, sah Lothar Krüger kein zweites Mal. Irgendwann war der vertraute Leucht-Schriftzug "Briefmarken Krüger" ggü. dem Hauptbahnhof verschwunden. Ich hörte, das Briefmarkenhaus sei insolvent und es habe Unregelmäßigkeiten gegeben. Dennoch: was Lothar Krüger damals in 3 Stunden erwähnte, waren bedeutende Lehrstunden des Direktmarketings mit nachhaltiger Wirkung auf meine Arbeit; damals und manchmal sogar noch bis heute.... wenn zum Beispiel Unwissende von einer Responsequote einer Mailing-Aktion von 5 Prozent träumen. Dann sage ich gerne mal: "schon bei Lothar Krüger gab's in den Achtzigern nur 5 Promille und das waren noch Zeiten!!!"

  • Ein interessanter und auch teilweise kritischer Artikel auf 8 großformatigen Seiten über Lothar Krüger und seinen früheren Werdegang ist in dem Buch von Horst Hamann "Zwischen Käuzen, Königinnen und Skandalen" enthalten, das 1993 im Selbstverlag (275 Seiten) erschien. Überschrift dieses Abschnitts: "Lothar der Große".


    Dieses sehr lesenswerte Buch ist schon lange vergriffen und nur noch schwer zu beschaffen. Ich werde es bei Gelegenheit im Thread "Briefmarken-Romane" vorstellen.


    Krüger machte eigentlich auch nichts anderes als heute Borek, Sieger und die anderen großen Briefmarken- und Münzen-Häuser, bei denen man vieles kritisieren könnte, die aber auch gute Ideen haben.


    Wenn es die aber nicht geben würde, wäre das Sammeln um Vieles langweiliger, und auch Sammler würde es nicht so viele geben. Internet und Ebay & Co. gibt es ja auch noch nicht so lange.


    Die China-Marken wurden damals auch von allen Briefmarkenhäusern preiswert im Abo geliefert (bei den Kultur-Revolutions-Marken glaube ich das aber eher nicht!), da hat sich noch niemand darüber beschwert. :)


    Gruß kartenhai

  • Nach kurzer Suche konnte ich erfahren, dass bei der Witwe des Autors Horst Hamann, im oberbayerischen Ohlstadt zuhause, das Buch "Zwischen Käuzen, Königinnen und Skandalen" noch erhältlich ist. Ich habe an sich mit der Briefmarken-Branche garnichts zu tun, sondern mit Marketing und Vertrieb, weshalb die Aktivitäten des Briefmarkenhaus Krüger für mich von Interesse waren. So besuchte ich die alte Dame in Ohlstadt und erfuhr, dass Lothar Krüger in jungen Jahren im Briefmarkengeschäft der Amanns erfolgreich mitarbeitete und der Kontakt zu Lothar Krüger über Jahrzente bestand. Es war zwar ein kurzes, aber sehr unterhaltsames, interessantes Gespräch. Dass Lothar Krüger vor ca. einem Jahr verstorben ist, wusste Frau Hamann allerdings noch nicht. Das Buch ist sicherlich für Briefmarkenfreunde äußerst interessant und spannt einen Bogen von der Nachkriegszeit bis 1993. Es ist so unterhaltsam verfasst, dass ich nach Lektüre der Seiten bezüglich Lothar Krüger nun angefangen habe, es von Anfang an zu lesen. Interessierte können das Buch bei Frau Hamann erstehen, gegen EUR 20,00 zzgl. EUR 5,00 für Porto (der Einfachheit halber V-Scheck senden). Die Adresse:
    Gertrud Hamann
    Loisachstraße 26
    82441 Ohlstadt

  • @ huiftjanix:


    Schön, daß es dieses interessante Buch doch noch zu kaufen gibt. Bei Ebay oder Briefmarken-Händlern sucht man meistens vergeblich danach.
    Wenn Du mit Marketing und Vertrieb zu tun hast, wären auch die damaligen Krüger-Kundenzeitschriften "Unter Uns" sehr interessant für Dich, die jahrelang 4 x im Jahr erschienen sind. Sie sind sehr profihaft gemacht und ein Teil des damaligen Erfolges dieses Briefmarkenhauses.
    Einige Häuser haben diese Art von Kundenwerbung nach dem Ende des Briefmarkenhauses Krüger erfolgreich übernommen.
    Krüger selbst war so um 1965 in seinen Anfängen mal 1 1/2 Jahre lang Redakteur einer sehr schönen farbigen Briefmarken-Zeitschrift, die in Murnau unter Herrn Hamann als Verleger herausgegeben wurde. Die Qualität dieser Zeitung, die nach einigen Jahren (lange nach Krüger`s Ausscheiden) wieder eingestellt wurde, ist von keiner Nachfolgezeitung mehr erreicht worden. Der Name der Zeitschrift war "mauritius".


    Noch zum Buch:
    Herr Hamann, der fast 40 Jahre lang mit Briefmarken gehandelt hat, ohne selbst Sammler gewesen zu sein, hat hier seine Memoiren veröffentlicht. Ich zeige unten mal das Buch mit Inhaltsverzeichnis. Es hat DIN-A-4-Größe und einen Umfang von 275 Seiten, also viel zu lesen.


    Gruß kartenhai

  • @ huiftjanix


    Hallo,
    diese Anekdote von 1987/88 beschreibt sehr genau, wie er war - und er würde noch heute sein Briefmarkenhaus leiten, wenn er nicht 1992 sehr schwer erkrankt wäre und fast gestorben wäre. Es dauerte Monate, bis er wieder einigermaßen auf den Beinen war - und konnte daher krankheitsbedingt sein Unternehmen nicht mehr weiterführen. Von dieser Krankheit hat er sich bis zum Schluss nie komplett erholt, er war z.B. seitdem auf einem Auge blind und durch die Medikamente, die er im Krankenhaus bekam, bekam er Diabetes. Dennoch hatte er einen unbändigen Lebenswillen und erholte sich mit der Zeit wieder soweit, dass er wenigstens ein den Umständen entsprechendes normales Leben führen konnte, bis er vor wenigen Jahren die Diagnose Hautkrebs bekam, den er nach monatelanger Behandlung auch besiegt zu haben schien, aber dann stellte sich doch heraus, dass dem nicht so war.
    Durch diese schwere Erkrankung 1992 (kann auch ein Jahr später gewesen sein, so genau kann ich das im Moment nicht mehr sagen) war er quasi gezwungen, seine Firma zu verkaufen.
    Nachdem er sein Geschäft an seinen Prokuristen verkauft hatte, ging es stark bergab, da dieser auf eine Telefonkarten-Hype setzte und sich damit total verspekulierte. Außerdem gab durch den Prokuristen "Unregelmäßigkeiten" in der Aquise neuer Kunden usw. Schließlich mußte das Unternehmen Konkurs anmelden. Lothar Krüger wurde von sehr vielen Leuten darum gebeten, das Unternehmen wieder zu übernehmen, als das Konkursverfahren lief, aber es war ihm gesundheitsbedingt unmöglich.
    Dies zeigt, wie wichtig eine Unternehmerpersönlichkeit für ein erfolgreiches Unternehmen ist und wie viel Gespür und Talent Lothar Krüger besaß, sein Unternehmen erfolgreich zu führen.
    Er war ein ausgesprochen kreativer und erfolgreicher Marketing-Experte und wer jetzt anführt, dass er teilweise für die Briefmarken nichts mehr bekäme, die er damals kaufte, dann muss ich zur Verteidigung fragen, wieviel denn die Briefmarken heutzutage wert sind, die die anderen Briefmarkenhäuser damals verkauften? Und wieviel sind nach wenigen Jahren ehemals sündhaft teure Modeklamotten wert?
    Lothar Krüger war schon immer seiner Zeit voraus, er erkannte und prägte Trends und war damit erfolgreich.
    Und er brachte einen Großteil seines Vermögens zu seinen Lebzeiten wieder unters "Volk", war spendabel und großzügig.
    Ich erinnere mich an eine Theateraufführung in Berlin, wo eine (aus Plexiglas durchsichtige) Spendendose für die AIDS-Hilfe herumging. Jeder steckte ein paar Pfennig oder ein paar D-Mark rein. Weil ich neben ihm saß, habe ich gesehen, wie er einen Hundert Mark Schein in die Dose steckte.
    Er war immer sehr großzügig, aber sobald es ums Geschäft ging, feilschte er knallhart um jeden Pfennig!

  • In der Michel-Rundschau vom Mai 1998 stand ein interessanter Artikel über das Ende des Briefmarkenhauses Krüger nach dem Verkauf durch den Eigentümer und über den Prozeß-Verlauf. Immerhin war Krüger damals der drittgrößte deutsche Briefmarken-Versender nach Borek und Sieger. Im Internet selbst ist davon leider nichts zu finden, da es damals noch nicht so verbreitet war. Habe hier mal den dreiseitigen Artikel eingestellt.


    Eine Erlaubnis des Schwaneberger Verlags dafür wurde erteilt. Der Autor dieses Artikels ist inzwischen verstorben, auch Herr Ehrhardt soll nicht mehr leben.


    Gruß kartenhai

  • In einem Spiegel-Artikel aus dem Jahre 1995 steht etwas Interessantes über eine gefälschte Stasi-Telefonkarte, die damals vom neuen Besitzer des Briefmarkenhauses Krüger Ehrhardt in einer Bild-Anzeige für 49,50 DM angeboten wurde. Der Herausgeber dieser Telefonkarte, ein Opernsänger, wollte eigentlich nach seinen Angaben die Sammlerschaft mit dieser Karte nur veräppeln.


    Auch der später zusammengebrochene Telefonkarten-Hype war damals zusammen mit Betrügereien schuld an der Pleite des Briefmarkenhauses:



    PS.: Gerade bei Ebay angeboten. Weder für 20,- EUR noch für 1,- EUR hat sich bis jetzt ein Käufer gefunden! :D



    Gruß kartenhai



    Gruß kartenhai

  • Ach ja, diese Telefonkarte, die habe ich als einziges Stück aus meiner TK-Sammlung zurückbehalten. Als ich sie das erste mal sah, dachte ich auch an etwas echtes und habe sie gekauft, allerdings war das bei eBay und ich glaube für nur 5 oder 10 EURO oder so.
    Im Briefmarkenhaus Krüger kaufte ich ab und zu mal Spezialitäten, so wie Rollenmarken-Paare oder solch Eckrandstücke oder auch Burgen-und-Schlösser-Abarten. Für seine Gadgets wie WWF oder Goldmarken habe ich mich nie interssiert. Die "Unter Uns" fand ich auch immer interssant. Den Telefonkarten-Hype habe ich mitbekommen, gekauft habe ich aber nichts dort, mir war das zu mainstreamig aufgemacht.


    Gruss
    Oliver