Briefmarken aus der pfälzischen Provinz

  • Wie eine kleine Firma der Deutschen Post trotz Briefmonopol Konkurrenz macht: Eine Geschichte aus dem Donnersbergkreis.


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    Susann Ricke mit ihren Briefmarken



    Bolanden - Zu den gelben Briefkästen der Deutschen Post gesellen sich im Donnersbergkreis in der Pfalz neuerdings orange-silbergraue Boxen. Die Unternehmerin Susann Ricke hat diese Postkästen aufstellen lassen. Damit tritt ihr Unternehmen, die "Prosa! Direkt-Post", aus dem Schattendasein. Im Hintergrund ist ihre Privatpost schon länger umtriebig: Das kleine Postunternehmen transportierte 2005 bereits rund 650 000 Briefe in der Region, vorwiegend von Behörden - und buhlt nun um Privatkunden.


    Dabei ist ihr Unternehmen noch jung. "Es war ein bißchen Zufall dabei", sagt die 47 Jahre alte Unternehmerin aus dem pfälzischen Bolanden. Bevor sie die Firma gründete, übte Ricke viele Berufe aus. Sie war Schäferin und Helferin in einer Arztpraxis, später machte sie eine Weiterbildung für Telekommunikation und EDV. In Bolanden gründete sie einen Büroservice, nahm später eine kleine Agentur der Deutschen Post dazu. "Da war sehr auffällig, wie viel da zu tun war", berichtet Ricke. Zudem bewegten sich 80 Prozent der Briefe im heimischen Donnersbergkreis, und die frühere Briefträgerin dachte sich: Das könnte ich auch.


    Gedacht, getan: Susann Ricke "telefonierte ein bißchen herum" - und bekam prompt eine Kiste mit 120 Briefen auf den Tisch. Den überraschenden Auftrag packte sie ins eigene Auto und fuhr 300 Kilometer kreuz und quer durch den Kreis, bis der letzte Brief zugestellt war. Schnell kamen Stempel mit eigenem Logo, eine Frankiermaschine, ein Tagesstempel hinzu.


    Heute residiert ihr Unternehmen auf rund 130 Quadratmetern in einer ehemaligen Kaserne und fertigt pro Tag zwischen 1800 und 3000 Briefe ab - trotz des noch immer herrschenden Monopols der Deutschen Post AG für Briefe unter 50 Gramm.


    Wer trotz Monopol Briefe befördern will, muß einen Mehrwert bieten: "Wir holen die Briefe beim Kunden ab und garantieren die Zustellung bis 12 Uhr am nächsten Tag", beschreibt Ricke ihr Konzept. Dazu kommt die Rechnungsstellung im nachhinein und das Ausweisen der Mehrwertsteuer - besonders für Firmen und Verwaltungen interessant.


    Kostet bei der Deutschen Post ein Standardbrief 55 Cent, so nimmt die Prosa Direkt-Post 45 Cent brutto - oder 39 Cent netto. Drei Verbandsgemeinden des Kreises sind bereits Kunden bei Susann Ricke, dazu kommen die Kreisverwaltung, die Sparkasse und die Raiffeisenbanken.


    35 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen inzwischen, einige als Minijobber, andere halbtags. Wenn einer der Postboten ausfällt, setzt sich Susann Ricke auch schon mal selbst ins Auto und fährt die Briefe aus. Diese Flexibilität in den Arbeitsabläufen sieht Ricke als Erfolgsrezept.


    Was über den Donnersbergkreis hinaus geht, wird von einem der sechs Partnerunternehmen weiter befördert. "Dadurch sind wir demnächst in der Lage, ganz Rheinland-Pfalz und das Saarland abzudecken", sagt Rickes Partner Bernhard Schneider.


    Wo sich der gelbe Riese in der Fläche zurückzieht, füllen Private das Vakuum. Tatsächlich stellt die Bundesnetzagentur in ihrem Tätigkeitsbericht von 2004/2005 eine besonders hohe Dichte an Lizenzen für private Postunternehmen in strukturschwachen Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit fest. Knapp 2000 Lizen sind bundesweit inzwischen vergeben, 76 waren es bisher in Rheinland-Pfalz. 350 Euro kostete Susann Ricke die Lizenz zum Verteilen, Ende 2005 schaffte sie es bereits in die Gewinnzone - und das ohne Fördergelder des Landes. Im Juni 2005 entwickelte Ricke sogar eigene Briefmarken. Die fünf Motive mit Wahrzeichen des Donnersbergkreises sind bei Briefmarkenfreunden in der ganzen Welt begehrt.


    Die Expansion ihrer Firma geht unterdessen weiter. Am Dienstag öffnete Ricke ihre fünfte Agentur. Weitere sollen folgen. Sie will insgesamt 80 Briefkästen aufstellen. Außerdem plant die Prosa-Direkt-Post eigene Uniformen für ihre Zusteller.




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