Der MICHEL-Farbenführer

  • Passend zu eines der heutigen Threads, folgende Meldung:




    Ein wichtiges Hilfsmittel für fortgeschrittene Sammler ist der MICHEL-Farbenführer, inzwischen in 37. Auflage erhältlich. Er enthält 570 gelochte Musterplättchen, die eine Farbtonbestimmung wesentlich erleichtern.



    Das menschliche Auge ist in der Lage, viele Millionen Farbtöne zu unterscheiden, und die Drucker in aller Welt bemühen sich nach Kräften, diese Töne auch alle auf Briefmarken im Druck darzustellen. Daraus ergibt sich natürlich ein Problem: Kein noch so ausführlicher Farbenführer wäre im Stande, alle diese Töne in allen theoretisch möglichen Helligkeitsstufen wiederzugeben, und auch sprachlich gibt es bei weitem nicht die Möglichkeit, jedem dieser Millionen Farbtöne einen eindeutigen Namen zu geben. Deshalb beschränkt sich der Farbenführer auf die wichtigsten Farbtöne, die jeweils in fünf verschiedenen Helligkeitsgraden dargestellt sind. Hierzu ein wichtiger Satz aus der Einleitung des Farbenführers: Zu beachten ist, dass zum Druck von Briefmarken viel mehr Farben verwendet werden, als durch Namen oder Bezeichnungen sinnvoll ausgedrückt und im Farbenführer wiedergegeben werden kann. Zur Bestimmung wird der Farbton ausgewählt, der der Markenfarbe am nächsten kommt.



    In der Praxis legt man die zu bestimmende Marke unter die entsprechende Seite des Farbenführers und versucht dann – mit Hilfe einer etwa 8-fach vergrößernden Lupe – den am besten passenden Farbton zu finden. Dies macht man möglichst in Fensternähe bei Tageslicht (leicht bedeckter Himmel) oder unter einer speziellen Tageslicht-Lampe. Völlig ungeeignet sind normales Kunstlicht, Gewitter- oder Dämmerstunden oder auch direktes Sonnenlicht. Dabei ist für die Bestimmung die Druckfarbe selbst entscheidend, nicht der eventuell aufgehellte Gesamteindruck durch die Rasterung der Marke. Die Druckfarbe selbst kann also weitaus dunkler sein, als dies auf den ersten Blick ohne Lupe den Anschein hat. – Eine genaue Anweisung für die Verwendung des Farbenführers findet man im Einführungstext; dort wird auch erklärt, wie man Zwischenstufen bestimmen kann, die ja nicht alle abgebildet sein können. Es wird daher dringend empfohlen, diesen Text auch zu lesen – das würde viele Diskussionen erübrigen.



    Einige Beiträge in der Fachpresse haben die Sammler in den letzten Monaten anscheinend etwas verunsichert, insbesondere wenn da die Frage gestellt wird, ob eine Farbunterscheidung überhaupt sinnvoll ist. – Gegenfrage: Warum sollten unterschiedliche und klar unterscheidbare, regelmäßig zu findende Farbtöne bei einer Marke für den Philatelisten weniger interessant sein als etwa verschiedene Zähnungen oder die unterschiedlichen Lagen des Wasserzeichens im Papier? – Eigentlich müsste das ja die Spezialisten auf den Plan rufen, die sich seit Jahrzehnten mit den Markenfarben befassen und die durchaus beweisen, dass sie in der Lage sind, eine verfärbte Marke von einem schon ursprünglich so aussehenden, also nur scheinbar gleichen Farbton zu unterscheiden.



    Gerade in diesen Fällen ist zum Beispiel eine UV-Lampe hilfreich, die verschiedene chemische Zusammensetzungen der Druckfarbe bei gleichen oder sehr ähnlichen Tönungen durch oft krass unterschiedliche Reaktionen im langwelligen UV-Licht deutlich erkennen lässt, und zwar unabhängig davon, ob eine Markenfarbe im Lauf der Zeit „gealtert“ oder ausgebleicht ist. Inzwischen gibt es auch noch weitere, auch ausgefeiltere Methoden zur Bestimmung und Beurteilung von Farben und Farbveränderungen, die in den ArGen und von Spezialprüfern auch angewandt werden. Mit diesen Spezialisten arbeitet die MICHEL-Redaktion seit Jahren und Jahrzehnten eng zusammen, auch im Hinblick auf das, was an prüfbaren Varianten in den Spezial-Katalog aufgenommen werden kann und soll – und was nicht.



    Äußerungen, die diese akribische Arbeit der Forschungs- und Arbeitsgemeinschaften ins Lächerliche ziehen und die Kompetenz der Spezialisten anzweifeln, sollen wohl sie und die Sammler, die sich überhaupt mit den Farben beschäftigen, ins Abseits und als eine Art „sanfte Irre“ hinstellen. – Allerdings weist man sich mit solcher „Kritik“ selbst nicht direkt als Farbsachverständiger aus, denn gerade die UV-Lampe ist ja eines der wichtigen technischen Hilfsmittel bei der genauen Farbbestimmung!



    Kritik geäußert wird auch daran, dass man mit dem MICHEL-Farbenführer keine Prüfungen durchführen kann. – Das ist allerdings in der Tat nicht möglich und auch gar nicht beabsichtigt. – Fett gedruckt steht in der Einleitung:


    Der MICHEL-Farbenführer bietet einen hervorragenden Anhaltspunkt zum Bestimmen der Markenfarbe, kann aber gerade bei teuren Farbvarianten eine Prüfung durch anerkannte Verbandsprüfer nicht ersetzen.



    Der Spezialprüfer wird ohnehin nicht irgendeinen Farbenführer, sondern sein Vergleichsmaterial, also schon entsprechend geprüfte Marken, zur Prüfung heranziehen, um festzustellen, ob eine a-, b-, oder c-Variante vorliegt. Wenn es bei der Prüfung – was natürlich zu beklagen ist – zu unterschiedlichen Ergebnissen kommt, wenn Prüfer X beim gleichen Prüfgebiet also etwas anderes feststellt als Prüfer Y, so liegt das sicher nicht am Farbenführer, denn der sollte bei so differenzierten Prüfungen gar nicht mehr ins Spiel kommen. Vermutlich ist eher die mangelhafte Qualität des Vergleichsmaterials und/oder die fehlende Abstimmung und Kommunikation unter den Prüfern hier das Problem. Es soll ja vorkommen, dass sich zwei „nicht riechen können“ und deshalb nicht miteinander reden. Es ist der Tat dann nicht nur bedauerlich, sondern ausgesprochen ärgerlich, wenn die Sammler letztendlich solche internen Querelen ausbaden sollen. Das kann aber der MICHEL-Farbenführer natürlich nicht beeinflussen, sondern das sind Dinge, die intern geklärt werden müssen, am besten, bevor man einen Prüfbefund erstellt…



    Als Hauptfunktion des MICHEL-Farbenführers sehen wir es an, dass jeder Sammler mit diesem Hilfsmittel die Möglichkeit hat, seine Marken schon zu Hause zu beurteilen. So ist er anhand seiner Bestimmungen – wenn er sie exakt so vornimmt, wie es in der Einleitung empfohlen wird – auf jeden Fall in der Lage, seine Marken nach „normalen Varianten“ und „eventuell besseren Farben“ vorzusortieren.



    Das heißt mit anderen Worten: Er braucht nicht mehr jede Marke zum Prüfen zu schicken, denn er kann diejenigen schon einmal aussondern, die auf keinen Fall eine teure Variante sein können. Genau diese Möglichkeit bietet der MICHEL-Farbenführer bei richtiger Handhabung – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Erfahrungsgemäß bleiben nach einer korrekten Farbbestimmung nur wenige Stücke übrig, bei denen eine Prüfung überhaupt sinnvoll erscheint – die sich dann aber meist auch lohnt. Damit hätte der MICHEL-Farbenführer seinen Zweck erfüllt, denn das spart ja letztendlich auch eine Menge Prüfgebühren.





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    Zitat
  • Meiner Meinung nach sollte wie bei der Katalogisierung von Abarten der Grundsatz gelten, dass Unterschiede mit bloßem Auge erkennbar sein müssen. Natürlich hat Michel ein wirtschaftliches Interesse daran, durch die alle paar Jahre erfolgenden Änderungen der Farbbezeichnungen in den Katalogen und Neuauflagen des Farbenführers den Absatz der Verlagsprodukte zu sichern.


    Wenn aber selbst die von Michel viel gepriesenen Spezialisten – allen voran die Prüfer – sich bezüglich der exaten (Unter-)Farbenbestimmung nicht einig sind, stellt sich wirklich die Frage nach dem Sinn, mehr als deutlich unterscheidbare a-, b-, c-Varianten zu katalogisieren und die Suche nach "seltenen" Farben durch enorme Bewertungsunterschiede – beispielsweise zwischen 'ab' und 'ac' – zu nähren. ?(


  • Ich habe den Farbenführer selber bei mir daheim herumliegen und auch schon damit experimentiert. Das Problem ist insbesondere dann evident, wenn in der Spezialliteratur alte Farbbezeichnungen gelistet werden, jedoch nicht im Farbenführer. Welche Farbe ist dann die richtige? Zweitens scheitert die korrekte Zuordnung bei vielen alten Marken, wenn sie gewaschen wurden, Patina anlegten, oder deren Farben über die Zeit sonstige Veränderungen erfahren haben.