Artikel über Philatelie in der Badischen Zeitung Ausgabe 26.08.06

  • Habe einen Artikel in der Samstagausgabe der Badischen Zeitung in Freiburg gefunden vielleicht interessiert es ja jemanden:


    Die Nachwuchsarbeit in den Philatelistenvereinen gestaltet sich entsprechend schwierig. Zu einem Tag der jungen Briefmarkenfreunde in Freiburg kamen kürzlich nur wenige Besucher. Und die meisten, die dort für ihr Hobby warben, hätten die Großväter derer sein können, die eigentlich angesprochen werden sollten. Es wird geschätzt, dass die sammelnde Jugend des Deutschen Philatelistenverbandes in den vergangenen 20 Jahren um ein Drittel geschrumpft ist. In der Region „Südwest“ (Baden-Württemberg und die Pfalz) jedenfalls sammelten vor 20 Jahren noch 1600 Kinder und Jugendliche. Jetzt sind es nur noch 550. Seit April ist Bernd Leßoing Vorsitzender der Philateliejugend Südwest. Mit 38 Jahren ist er ein junger Hüpfer in der Zunft. Der älteste Südwest-Jungphilatelist ist 75 Jahre alt. Das Durchschnittsalter der „Jungen“ liegt bei Mitte 50. „Das ist deprimierend“ sagt Leßoing.


    Mit dem allmählichen Wegsterben der Philatelisten sieht er auch seine berufliche Felle wegschwimmen. Ein Überangebot an Marken überschwemmt den Markt, Käufer fehlen, das drückt die Preise – und die Gewinne. Die Briefmarke als Spekulationsobjekt, auch „Aktie des kleinen Mannes“ genannt, hat ausgedient. Wertsteigerungen ist heute kaum mehr möglich. Reich werden kann man als freier Philatelist nur noch, wenn in einer achtlos verscherbelten Sammlung der Megafund schlummert.


    Das unspektakulär wirkende Hobby schafft es kaum noch, die Jugend vom Fernseher oder Computer wegzulocken. Dabei, so propagiert Elmar Dichtel, Leiter der einzigen Jugendgruppe in Freiburg, sei der Lerneffekt des Sammeln groß. Denn wenn die elft Kinder und Jugendlichen der Jugendgruppe der Briefmarkenvereins „Zenith 1930 e.V.“ sich treffen, lösen sie die Marken nicht einfach und stecken sie in ein Album. Sie lernen, wie man mit dem Material umgeht und wie man eine Sammlung inhaltlich aufbaut, um sie bei Ausstellungen zu präsentieren. „Das, Was man Allgemeinbildung nennt, habe ich durch die Briefmarken gelernt“ sagt Leßoing.


    Briefmarkensammler sind Autisten. Sagt Bernd Leßoing. Ihre Welt dreht sich um den Planet „Briefmarke“. Sie wühlen sich tagelang durch Messen, Kataloge, setzen weltweit Hebel in Bewegung um die Klasse in der Masse zu finden. In seinem Gebiet ist der Philatelist ein wandelndes Lexikon. Jagt einer der „Postgeschichte von Palästina“ hinterher, späht er nicht nur aus nach den Marken, sondern wälzt Geschichtsbücher, sammelt Zeitungsartikel, kennt die innen – und außenpolitische Entwicklung., sagt Leßoing. So viele Motive es gibt – von Affen, Butter, Circus bis Xanthippe, Yokohama oder Ziegen – so viele Experten gibt es auch. Die Sammelgebiete sind die persönlichen Vorlieben angepasst: Muppet -Show Freaks sammeln Kermit und Miss Piggy, Vampirfans lechzen nach Blutsaugermarken.


    Das Fachwissen, das dich die Philatelisten aneignen, ist aber nicht nur selbstlose Leidenschaft, es ist auch harter Wettbewerb: Wer bei Meisterschaften Preise holen will, muss sich schlau machen. Ein titelverdächtiges Exponat ist laut Leßoing nämlich nur, was attraktiv zusammengestellt und gut recherchiert ist, beschriftet mit Fakten zur Marke un deren Hintergrundgeschichte – am Schluss kommt so etwas wie ein Briefmarken-Comicstrip dabei heraus. Ein Leuchtturm-Exponat lehrt den Betrachter beispielsweise, wo Türme stehen, wann sie erfunden wurden, wie viele noch in Betrieb sind. Ein Qualitätskriterium eines Exponates ist „Alle Zeit und alle Welt“: Also zum Beispiel Leuchttürme aus aller Welt, neue und alte Türme und neue und alte Marken oder Stempel. Nur der informativste und schönste „Briefmarkencomic“ hat Siegerchancen.



    Nicht jeder, der sammelt, stellt auch aus. Geeint wird die Sammelgemeinde, allerdings durch den Jagdinstinkt. Die Sucht nach dem Adrenalin in der Sekunde der Entdeckung. Bernd
    Leßoing schätzt, dass in Deutschland rund 80 000 Sammler den Papierschnipseln hinterherjagen. Viele von Ihnen sammeln inkognito. Denn wer viel Geld und Zeit für einen scheinbar geringen Gegenwert investiert, wird leicht für verrückt und verantwortungslos gehalten. „Für einen Fetzen Papier Millionen zahlen. Rational ist das natürlich nicht verständlich“, meint Leßoing. Verrückt ist auch die Bandbreite an Reaktionen bei Funden, die er bereits erlebt hat: von hysterisch bis apathisch. Für eine anvisierte Marke gehen Sammler schon mal über Leichen. Der Franzose Gaston Leroux war Besitzer einer seltenen hawaiianischen „2 Cent-Missionars-Marke“. Er wurde vor mehr als einhundert Jahren in seiner Wohnung ermordet. Die Marke wurde später bei einem Sammlerkollegen gefunden, der den Mord gestand: „Ohne die Hawaii konnte ich nicht leben.“ Sammeln kann also zur Todesgefahr werden. Für Bernd Leßoing und seine Freunde bedeutet es das Leben. Sie alle sammeln. Heißt das umgekehrt, nur Sammler halten es mit Sammlern aus? Leßoing schüttelt lachend seine Haare und bekräftigt. „Stimmt. Das ist so ein abgespacetes Hobby.“ Leßoing findet einen passenden Vergleich für die Freundschaft unter Sammler: „Das ist wie bei „Karlsson auf dem Dach“: Wir akzeptieren einfach gegenseitig unsere komischen Propeller.“
    Angehörige fangen entweder an, selbst zu sammeln, trenne sich oder beginnen einen ehelichen Krieg. Die Erlösung kommt manchmal erst mit dem Ableben des Sammlers, so Leßoing: „Kaum ist die Todesanzeige gedruckt, landet der Inhalt des Briefmarkezimmers im Container. Alles schon erlebt.“


    Die Begeisterung für Briefmarken als Sammelobjekte kam schon kurz nach ihrer Erfindung auf. Als Vater der Briefmarke gilt Sir Rowland Hill, der wahrscheinlich den Vorschlag eines schottischen Buchhändlers aufgriff und als Grundlage seiner Reform des britischen Postwesens nutzte. Die erste aufklebbare Marke wurde 1840 nach Hills Vorschlägen in Großbritannien herausgegeben. Für das Motiv wurden mehrere tausend Vorschläge eingereicht, doch Hill kopierte das Porträt der Königen Victoria von einer Gedenkmünze. Die Idee wurde in anderen Länder rasch aufgegriffen, die erste deutsche Marke war der Schwarze Einser, der 1849 in Bayern erschien. Die ersten Postwertzeichen des Großherzogtums Baden wurden 1851 herausgegeben. Nur neun Jahre danach gab es die ersten Briefmarkenalben zu kaufen, ein Jahr später wurde der Vorläufer des heutigen Briefmarkenkatalogs herausgegeben. Die Bezeichnung Philatelist („Freund dessen, was steuerfrei von Staatslasten ist“) bezieht sich im eigentlichen Sinn nur auf gestempelte Marken, da der Poststempel den Absender von weiteren Abgaben befreite. Heute sammeln Philatelisten alles: gestempelte oder postfrische Marken, Ersttagstempel, Umschläge mit interessanten Frankaturen, Paketkarten oder Telegrammschmuckblätter.


    Bernd Leßoing nennt Briefmarkensammler „Papier-Messies“, die habenhabenhaben“ wollen. Kunden aus der ganzen Welt melden sich bei ihm, suchen bestimmte Marken wollen Ihre Sammlung zur Auktion geben. Zum Höchstpreis natürlich. Leßoing glaubt, dass der durchschnittlich betuchte Sammler etwa Euro 100,00 monatlich für Marken ausgibt. Bevor die Sammlungen unter den Hammer kommen, schätzt Leßoing sie nach Kriterien wie Seltenheit, Vollständigkeit und Alter, aber letztendlich legt die Emotion den Preis fest: Wer versessen ist auf ein haitianische Marke, wird sich die karibische Liebe einiges kosten lassen. Für die anderen Sammler bleibt sie – emotional jedenfalls – mehr oder weniger wertloses Papier



    Deshalb gibt es auch nicht die Eine, die jeder haben muss – auch wenn der monetäre Mythos der berühmten „Mauritius“ sich in den Köpfen der Laien festgesetzt hat. Zur Legende wurde die Inselmarke, von der 1847 jeweils 500 rote und blaue gedruckt wurden, weil sie philatelistisch einfach vergessen worden ist. 1870 als reiche Sammler von ihrer Existenz
    erfuhren, boten sie für damalige Verhältnisse so horrende Summen dafür, dass Zeitungen darüber berichteten. Die fieberhafte Suche nach der Mauritius setzt sich bis heute fort, ist allerdings fast hoffnungslos geworden: 15 blaue und zwölf rote Marken sind bekannt, die meisten gehören Stiftungen und Museen. Die anderen dürften zerstört sein. Würde allerdings eine Mauritius wieder auf den Markt kommen, schätzen Experten einen Verkaufspreis von einer Million Euro aufwärts – je nach Suchtdruck der Sammler.


    Das sind Summen, die Bernd Leßoing nicht mehr erschrecken. Der Untergang der Briefmarke und der Philatelie erschreckt ihn dagegen schon. Aber dann schüttelt er wieder seine Haare und grinst. Wenn Briefmarken ihr Frankier-Revier an Strichcodes abtreten müssen, setzt er auf den Sammlertrieb: Dann sammeln wir eben Strichcodes. Sammeln kann man ja bekanntlich alles.

    It´s a 106 miles to Chicago. We´ve got a full tank of gas, half a pack of cigarettes, it´s dark and we´re wearing sunglasses.

  • Nochmals ein Artikel aus der Samstagausgabe der Badischen Zeitung vom 26.08.06


    Mit dem Fall des Briefmonopols kommen Strichcodes und individuelle Marken


    Briefmarke, quo vadis?


    Auf dem deutschen Postmarke werden jährlich rund 23 Milliarden Euro umgesetzt. Ein großer Kuchen, von dem die Deutsche Post Jahr für Jahr das größte Stück bekommt. Kein Wunder also, dass viele privaten Dienstleister davon auch einen Bissen abhaben wollen. Dank der Wettbewerbshüter von der Brüsseler EU-Kommission wird das ab 2007 möglich sein. Dann nämlich wird der noch verbliebene Teil des Postmonopols abgeschafft. Die privaten Postdienstleister senken nicht nur das Briefporto, sondern verändern auch das Erscheinungsbild der Briefmarken. Sie vertreiben ihre Briefe mit eigenen Marken oder nur mit Strichcodes. Aber auch am Schalter der Deutschen Post hat sich einiges getan. Nur noch selten wird das Konterfei eines Politikers auf Brief geklebt. Strichcodes haben Briefmarken schon längst ersetzt. Am Briefmarken-Automaten bekommt man eine lieblose Standardmarke ausgeworfen – inklusive Wechselgeld in Fünf- und Ein-Cent-Marken. Frankiermaschinen erleichtern Firmen die Arbeit und mittels digitalen Poststempels können Marken direkt aus dem Internet auf das Briefkuvert gedruckt werden.


    Aber erst mit der fortschreitenden Liberalisierung des Postmarktes hat sich diese „Revolution“ der Postwertzeichen abgezeichnet. Zwar war das Postwesen in seinen Anfängen in privater Hand, aber schon vor über 400 Jahren in der eines Monopolisten: Franz von Thurn und Taxis hatte für die Modernisierung des Nachrichtentransports von Kaiser Maximilian im 15. Jahrhundert den Titel „Oberster Postmeister“ und kurz darauf das Monopol auf den Transport von Sache und Personen erhalten. Die Familie Thurn und Taxis verdiente sich am Postmonopol – bis es 1867 für drei Millionen Taler vom preußischen Staat gekauft wurde – eine goldene Nase. Mit der Privatisierung der Personenbeförderung und der elektronischen Dienste im 20.Jahrhundert begann dann aber der Verfall des staatlichen Monopols. 1998 wurde der Briefmarkt erstmals geöffnet: Pakete und Briefe ab 200 Gramm durften nur noch bis 2005 ausschließlich von der Post transportiert werden, das Monopol bis 50 Gramm fällt Ende 2007.


    Vor allem Zeitungsverlage nutzen diese Chancen und stürzen sich auf den Postmarkt. Mit niedrigeren Preisen und neuen Produkten wollen sie der Deutschen Post Paroli bieten. So bietet die südbadische Arriva Briefmarken an, die mit selbst gemachten Fotos bedruckt werden könne. Ab 30 Stück kann fast jedes Bild auf die Briefmarken. „Abgelehnt haben wir noch nichts, einmal sollte zwar eine etwas leicht bekleidete Frau auf die Marke, aber das war noch im Rahmen“, so Britta Böhringer von Arriva. Besonders innovativ sind auch unsere Schweizer Nachbarn. Vergangenes Jahr haben sie einen Wettbewerb veranstaltet, bei dem die vier schönsten per MMS eingeschickten Handy-Bilder als Briefmarke gedruckt werden sollten. Aus mehr als 3000 MMS wurden per SMS-Voting die Sieger ausgewählt. Auch die finnische und österreichische Post gehen mit individuellen Briefmarken neue Wege. Bei der Deutschen Post soll dagegen fast alles beim Alten bleiben. „Individuelle Briefmarken sind nicht geplant“, so Inke Grüning vom Bundesfinanzministerium, das die Postmarken herausgibt. Der Grund: “Bis auf wenige Ausnahmen werden vom BMF keine lebenden Personen auf Briefmarken abgebildet“, sagt Uwe Bensien von der Deutschen PostAG.

    It´s a 106 miles to Chicago. We´ve got a full tank of gas, half a pack of cigarettes, it´s dark and we´re wearing sunglasses.

  • Zum Abschluß noch ein Artikel aus der Badischen Zeitung vom 26.08.06


    Der Zackenkrieg


    Von wegen langweilig! Briefmarken sind Geschichte im Kleinformat und erzählen Geschichten von Fälschern, Helden und Staaten


    Kaum sind 1840 die ersten Briefmarken im Umlauf, werden sie auch schon gefälscht. Zunächst, um das Porto zu sparen, das vergleichsweise hoch ist. Später allerdings, um sie als Mittel im Krieg einzusetzen. Mit nachgemachten Briefmarken des Gegners werden im Ersten Weltkrieg geheime Sendungen ins Feindesland geschickt. Das können Befehle für Spione sein oder Propagandaschriften. Echte Marken in großen Mengen zu kaufen, wäre sofort aufgefallen. Mit den Fälschungen schaffen es zum Beispiel die Briten, dass die Deutsche Reichspost britische Propaganda an Deutsche zustellt.


    Im Zweiten Weltkrieg wird eine neue Art der Fälschungen eingesetzt: Jetzt sind die Marken selbst die Propaganda. Dazu werden gängige Originalmotive verändert. So lassen die Amerikaner bei der 12-Reichspfennig-Briefmarke Hitlers Kopf in einen Totenschädel übergehen und ändern „Deutsches Reich“ in „Futsches Reich“. Es ist allerdings nicht bekannt, dass die Reichspost derart frankierte Briefe auch transportiert hat.


    Auch in Deutschland wird Propaganda im Kleinformat produziert: Im Konzentrationslager Oranienburg-Sachsenhausen bei Berlin müssen Häftlinge ab 1943 Parodien britischer Briefmarken herstellen. Die Propagandafälschungen sollen die Engländer demoralisieren, ihnen zeigen, dass sie insgeheim von Juden und Kommunisten beherrscht werden. Bei einer Marke zum Beispiel vertauschen die Fälscher das Portrait König Georges V. mit dem Stalins, setzen auf die Krone den Davidstern und stellen das Pennyzeichen geschickt mit Hammer und Sichel dar. Die Inschrift zum Thronjubiläum ändern sie in „This war is a jewisch war“ – dieser Krieg ist ein jüdischer Krieg. Die britische Post hat einige dieser Marken abgestempelt. Dieses so genannte „Unternehmen Bernhard“ im KZ Sachsenhausen war die größte bekannte Fälschungsaktion aller Zeiten. Um Briefmarken, Pässe und Geldnoten nachzumachen, hatten die Nazis 144 Experten aus verschiedenen KZ zusammengelegt: Typografen, Bankbeamte und Buchdrucker. Wie den heute 89-Jährige Adolf Burger. ER schätzt, dass dort 134 Millionen Britische Pfund gefälscht wurden, die die Nazis als Devisen und zum Destabilisieren der britischen Wirtschaft benötigten. Die Zahl der Briefmarken ist unbekannt. 60 Jahre nach dem Krieg hat Burger noch eine Briefmarke entworfen zum Gedenken an die Befreiung im Auftrag des internationalen Sachsenhausen-Komitees. Sie ist in Tschechien in Gebrauch.


    Auch nach dem Zweiten Weltkrieg bleibt die Briefmarke ein Mittel der Auseinandersetzung. Während der Berliner Blockade eskaliert der Postkrieg zwischen Westsektoren und sowjetischer Besatzungszone: Um die Stadt weiter zu isolieren, behindern die Sowjets ab Frühjahr 1948 Post aus Berlin gen Westen. Außerdem stellt die Ostzone Briefe nicht mehr zu, die mit den neuen Westmarken frankiert sind. Postwendend gibt sie eigene Marken mit dem Aufdruck „Sowjetische Besatzungszone“ heraus. Die gelten dann bald im Westen nicht mehr. Erst im Herbst 1949 einigen sich die Berliner Stadtkommandanten auf die gegenseitige Anerkennung der Marken.


    Offiziell war der Postkrieg damit beendet, Kleinkrieg mit Briefmarken gab es aber noch lange. 1952 führte ihn die „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“. Die Westberliner Gruppe versuchte unter anderem, mit Propagandamaterial einen Volksaufstand in der DDR zu verursachen. Dafür druckte sie eigene DDR Marken: Stand auf der blauen 12-Pfennig-Marke mit dem Konterfei des DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck „Deutsche Demokratische Republik“, machte die Gruppe „Undeutsche Undemokratische Diktatur“ daraus und malte Pieck eine Schlinge um den Hals. Die zugestellten Briefe lösten den erhofften Unmut in der DDR nicht aus, 1954 wurde die Produktion der Propagandafälschungen eingestellt.
    1957 meldete sich die Gruppe dann beim Staatsanwalt, um den Berliner Willi-Peter-Kleine anzuzeigen. Der hatte erkannt, dass Sammler viel Geld für diese Fälschungen ausgaben – und die Fälschungen gefälscht. „Es gibt mehr Kleine-Fälschungen als echte Fälschungen“, sagt Hans-Georg Schlegel, Prüfer für deutsche Marken.


    Schon 1953 gibt es den nächsten deutsch-deutschen Briefmarkenkonflikt: Am 9.Mai bringt die Deutsche post eine Marke zum Thema Kriegsgefangene heraus, um an die Deutschen zu erinnern, die noch in Russland festgehalten werden. Das passt den sozialistischen Deutschland überhaupt nicht. Mit dieser Marke frankierte Briefe kommen, wenn überhaupt, verändert in Ostdeutschland an: Die DDR-Postler reißen die Marke ab, überkleben oder schwärzen sie. „Oder der Brief kam mit der Aufschrift „Marke unzulässig“ in den Westen zurück, sagt Armin Hölzer vom Bundesverband des deutschen Briefmarkenhandels. Die Westpost will das nicht auf sich sitzen lassen und bestückt die Briefe wiederum mit einem Aufkleber: „Die anliegende Sendung ist von der Postverwaltung des Bestimmungslandes zu Unrecht zurückgewiesen worden.“ Das ideologische Spielchen wiederholt sich mit den Marken „10 Jahre Vertreibung“ im Jahr 1955, „20 Jahre Vertreibung“ sowie 1985 mit einer Marke zu 30 Jahren Bundeswehr. Umgekehrt lässt die Westpost 1971 Ersttagsbriefe von DDR-Marken zum zehnjährigen Bestehen der Mauer nicht durchgehen. „Vieles blieb unter der Oberfläche“, sagt der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk von der Birthler-Behörde, die die Stasi-Unterlagen verwaltet. „So hat die Bundesregierung eine fertige Gedenkmarke zum 25.Jahrestag des niedergeschlagenen Arbeiteraufstandes vom 17. Juni 1953 aus Angst vor Konsequenzen zurückgezogen.“ Für die DDR waren Briefmarken politisch. So widmete sie „Kämpfern gegen Faschismus“ Sondermarken, etwa 1963 eine Albert Richter. Der Weltmeister im Bahnradsprint von 1932 hatte mit der DDR nichts zu tun, doch er passte ins antifaschistische Leitbild des Regimes. Der Kölner, ein blonder, blauäugiger Vorzeigeathlet, hatte die Nazis eine Verbrecherbande genannt und zu seinem jüdischen Manager gehalten. Auf der Flucht vor der Gestapo wurde das renitente Sportidol am Grenzübergang Weil am Rhein verhaftet. Sein Tod 1940 im Lörracher Gefängnis wurde nie aufgeklärt. Anders als in der DDR war der Weltmeister in der BRD vergessen – 50 Jahre lang.


    Auch Demokratien und Monarchien nuten die kleinen Imageträger im Lauf der Geschichte zur Selbstdarstellung. In millionenfacher Auflage und alltäglich im Gebrauch kann das Massenmedium politische Botschaften transportieren. Die Sowjetunion druckte Raumfahrtmotive und propagierte so ihre technologische Überlegenheit im Wettlauf der Systeme. Die DDR stellte oft Parteitage, Staatsbesuche und Behörden auf Marken dar. Auch auf solchen, die nicht mehr erschienen. „Die Marke zum 40. Jubiläum des Minsteriums für Staatssicherheit war schon vorgezeichnet“, sagt Ilko-Sascha Kowalczuk. Doch das Stasi-Jubiläum am 8.Februar 1990 wurde nicht mehr offiziell begangen.


    In ihren letzen Monaten beschritt die Ostpost völlig neue Wege. Mit der Marke „Wir sind das Volk“ würdigte sie die Friedensmärsche in Leipzig, die erheblich zum Mauerfall beigetragen hatten. Die letzten DDR-Marken erschienen am 19.Juni 1990. Damit endete ein Sammelgebiet – noch dazu ein ergiebiges: Die DDR war bekannt dafür , schönere Motive als die BRD abzubilden.


    So sind Briefmarken Zeitzeugen, Alben stecken voller Postalgie von Ländern, die es nicht mehr gibt. Und sie dokumentieren die politische Entwicklung von Staaten. Beispiel Iran: Anfangs zeigten die Briefmarken Herrscherportraits, nach der konstitutionellen Revolution 1909 auch das Parlament. Später spiegelt sich Schah Rezas Modernisierungsglaube auf Briefmarken wider. Sein Sohn suchte die Kluft zu den traditionellen Mächten des Landes zu überbrücken – später auch mit Gewalt. Auf Briefmarken erschien er neben altiranischen Bauten und neuen Flugzeugen. Nach der islamischen Revolution 1979 sah sich der Iran als Schicksalsgemeinschaft, die von der ganzen Welt bedroht wird. Das schlug sich auch in den Briefmarkenmotiven nieder. So zeigt zum Beispiel, wie ein Bombeninferno auf Tauben zurast – Symbol der Unschuld.


    „in den vergangenen Jahren ist die Bildsprache wesentlich unpolitischer geworden“, sagt Roman Siebertz, der zu diesem Thema 2003 an der Uni Bamberg promovierte. Politische Marken habe es nur vereinzelt gegeben, zum Beispiel zum Dauerbrenner „Palästina-Konflikt“. Im Januar dieses Jahres allerdings hat die iranische Post eine Marke vorgestellt, die das nationale Atomprogramm gegen den Druck des Westens verteidigen soll. Unter dem Bild eines Kraftwerkes steht übersetzt: „Friedliche Nukleartechnologie ist das absolute Recht des Irans.“ Briefmarken bleiben ein Mittel der Politik – Fortsetzung folgt.

    It´s a 106 miles to Chicago. We´ve got a full tank of gas, half a pack of cigarettes, it´s dark and we´re wearing sunglasses.

  • Nette Serie, nur das mit den 80000 SammlerInnen dürfte wohl nicht stimmen, selbst die Post hat mahr Abonenten.
    Es dürfte vielleicht 80000 ernsthafte Sammler geben.

  • Hallo Zeno


    :daumendrueck: Ein sehr guter und ehrlicher Artikel. Ich würde Ihm fast 100% zustimmen. Es ist wirklich ein grosses Problem mit der Philatelie an junge Leute heranzukommen. In unserem Philatelie Club Swissair :frust: mit 500 Mitglieder bin ich das jüngste Mitglied und seit 2 Jahren, dass letzte das sich angemeldet hat.


    :jaok: Das man versucht über das Hoppy der jungen Menschen wie Tiere, Auto, Schiffe, Flugzeuge ....usw an die Philatelie heranzukommen, könnte ich mir als Anwerbung junger Philatelisten gut vorstellen.


    Viele Menschen schwärmen für Flugzeuge oder Schiffe. Ich hab mal einem :wow: B747 Fan gezeigt, was es alles für philatelistische Belege gibt, die in einem Zusammenhang mit der B747 stehen. Das es Flugbelege gibt, die in seiner geliebten B747 geflogen sind, hat Ihn sehr erstaunt und gefreut. Aber das :nichterfreut: Problem das die Philatelie erst interessant wird, wenn Hintergrund und Wissen vorhanden sind, ist wirklich schwer zu lösen.


    :philaforum1: Das Philaforum ist ein ideales Medium um an junge Menschen heranzukommen. Es gibt Einblick in das gesamte Spektrum mit allen Aspekten der Philatelie.
    Das die „Papier-Messies“, nicht nur alte, konservative, humorlose und unbewegliche Menschen sind, hat das Philaforum auf eindrückliche Art bewiesen.


    :jaok: Oder hat jemand geahnt, dass Menschen die :ruhe: Heavy-Metal, Gothic-Metal hören oder :gangsta: Informatikspezialisten sind... Briefmarken sammeln?


    Mit fliegerischen Grüssen :concorde: Thomas