Aus dem Briefkasten des Genies

  • Brechts Briefmarken: Ein Braunschweiger Germanist sichtet die alte Sammlung


    Brechts brave Briefmarkensammlung aus der Zeit der braunen Bredouille – wer Alliterationen mag, wird sich wünschen, dass die alten Marken möglichst in Brasilien, Bremen oder Braunschweig landen.


    Das tun sie auch. Soeben beugt sich Germanistik-Professor Erich Unglaub in seinem Büro an der TU Braunschweig über den schwartendicken Stapel Brief-Ausrisse aus den 30er Jahren. Er sagt: "Wir werden die Brecht-Forschung nicht umschmeißen. Aber wir sind froh, dass wir die Sammlung hier haben." Und zieht aus dem Stoß einen exotisch gestempelten Ausriss, auf dem links der Absender zu entziffern ist. "Aha, was hatte Theo Lingen eigentlich 1937 in Indien zu tun?"


    Gute Frage. So gut, dass wir hier mit einem Anflug historisch-detektivischer Genugtuung mitteilen, was wir dazu im Film-Lexikon gefunden haben: Im Sommer 1937 drehte Regisseur Richard Eichberg in Indien "Der Tiger von Eschnapur". Auch dem Näsel-Genie Theo Lingen waren Rolle und Reise vergönnt, worüber er aus der Ferne, wie vorläufig nur wir wissen, dem Herrn Brecht Bericht erstattet hat.


    Ja, sie steckt voller kleiner Hinweise auf große Männer, diese Sammlung. Tausend eben nicht abgeweichte, nur nach Ländern geordnete Briefmarken sind’s, Ausrisse, Überbleibsel der Briefe, die der markige Exilant bekam, während er von 1933 bis 1939 in Dänemark lebte.


    Die Liste der Absender überfliegt Unglaub mit Kennerblick: die Dichter Zweig, Feuchtwanger, der Regisseur Piscator, der Marxist Karl Korsch, die Theater-Agentin aus New York – Brechts Kreis war groß, schillernd: "Er hat ein Netz über die Welt gespannt", sagt Unglaub.


    Irritiert entdeckt man plötzlich Hitlers Scheitel im Stapel: Klar, auch aufs Deutsche Reich erstreckte sich der Postverkehr des verstoßenen Dramatikers. Ob ihm die Hitler-Marken arg zuwider waren? Jedenfalls wurden sie aufbewahrt wie alle anderen.


    Angelegt hat die Sammlung Stefan Brecht. 1924 schenkte Helene Weigel dem Dichter diesen Sohn. Bert Brecht vergötterte seinen aufgeweckten Jungen, der die Briefmarken gemeinsam mit seinem dänischen Schulfreund Gudmund Marcussen ordnete. "Offensichtlich hat Bert Brecht den Jungen beim Sortieren geholfen", meint Unglaub.


    Jedenfalls blieben die Schnipsel beim Freund, als der Brecht-Tross 1939 nach Stockholm weiterzog. Mehr als sechzig Jahre später stieß nun Brecht-Kenner Unglaub über einen Germanisten in Aalborg auf die Spur – und erhielt die Erlaubnis, den Stapel auszuwerten.


    "Das wird jetzt alles eingescannt", sagt er, "ich möchte mit Stempel-Kennern ein paar Datierungsfragen klären. Man könnte auch eine schöne Ausstellung zum Thema Exil daraus machen."


    Nun ja. Sich diese Ausrisse als packende Ausstellung vorzustellen, fällt uns zumindest schwer. Eher ist die Sammlung eine schrullig interessante Neben-Quelle mit edlem historischen Nachgeschmack.


    So zeigt sie auch sehr schön, dass die Probleme mit Brechts Vornamen gar nichts mit dem Mangel an sozialistischer Traditionspflege zu tun haben: Berthold, Bertold, Bertolt – auf den Umschlägen finden sich alle denkbaren Versionen.


    Deshalb noch einmal zum Mitschreiben: Eigentlich hieß der Augsburger Junge Eugen Berthold Friedrich. Als Dichter verschlankte er den Namen: Bertolt. Am einfachsten ist es, man bleibt bei Bert – auch wenn man ihm auf Erden leider keine Briefe mehr schreiben kann.




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