Undercover-Postfach 506 Lissabon

  • Hallo
    Freunde,
    ich suche Literatur, bzw. Hinweise zu obigem Thema.
    Zur Erklärung:
    Dieses Postfach wurde im II. Wk. genutzt, um Post der Achsenmächte
    (Italien, Deutschland, Japan und weitere verbündete Staaten) nach
    England (Feindland !) gelangen zu lassen. Das Postfach lief unter dem
    Namen "Thomas Cook & Son Ltd.". Portugal war neutral und damit für
    Freund- und Feindländer postalisch zugänglich.
    Post, z.B. aus der Slowakei (für England bestimmt), lief über dieses
    Postfach, wurde in Lissabon umadressiert , nach London geschickt,
    dort neu frankiert (King-George-Marken) und dem Adressaten zuge-
    stellt.
    Man findet im I-Net schon einige Belege im Angebot, wenn man ent-
    sprechend sucht aber eben noch nicht das "große Hintergrundwissen"


    Besten Dank im voraus


    m.w.myname

  • Da ist wieder das Problem mit der fehlenden Möglichkeit auf alle philatelistischen Publikationen zugreifen zu können.


    Ich hab folgenden verweis auf einen Magazintitel ergoogelt...


    Lewis, Jim
    "The Portugal Connection: Lisbon P O Box 506"
    in:
    German Postal Specialist Nr. 358, May 1963


    und dann noch auf ein Buch:


    Entwistle, Charles R.
    "Undercover Addresses of WW2"
    Chavril Press, 1992


    Dieses Buch ist in der Bayerische Staatsbibliothek München vorhanden und fernleihbar.

    Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst.

    Voltaire

    Einmal editiert, zuletzt von Lacplesis ()

  • Es gab folgende Buros auf Seite der Alliierten, die dafür zuständig waren Post aus Neutralen Staaten an Deutschland weiterzuleiten.


    London (hiervon lebt der Sohn eines drinarbeitenden Beamten und ein guter Bekannter von mir)


    Haarlem und auch Emmerich


    Ebsbjerg


    Auch über Schweden sollen Poststücke befordert worden.


    Bis Juni 1941 waren Poststücke auch über Russland nach Südamerika geleitet


    Grob betrachtet konnten Poststücke vom


    Neutral an Neutral (lief aber durch Kriegteilnehmende Länder)


    Neutral an Kriegteilnehmender und umgekehrt


    Kriegteilnehmer an Kriegteilnehmer Beforderung musste oder konnte nur mit Hilfe eines neutralen Staates erfolgen.


    Literaur hierfür ist sparlich.


    mfG


    Nigel


    Es gibt hierzulande zwei Sammlungen die diese Leitwege belegen

  • Liebe
    Mitsammler,
    diese Auskünfte sind überwältigend. Das muß ich jetzt erstmal ver-
    dauen und ordnen. Wenn dann noch Fragen sind, melde ich mich
    wieder


    besten Dank für alles


    Michael

  • Hallo Nigel,
    noch eine Frage: Die beiden Sammlungen, die solche Belege bein-
    halten, darfst Du die nennen ? Gegebenenfalls in einer Mail an mich.
    Wenn nicht, ist es natürlich auch nicht schlimm


    mit den besten Grüßen


    Michael

  • Hallo Lacplesis,
    habe "Undercover Addresses in WW 2" schon gefunden und konnte
    es in England für 10 Pfund kaufen


    besten Dank nochmal


    Michael

  • Der Magazinartikel könnte in der Philatelistischen Bibliothek München vorhanden sein. Jedoch passt die, in der Quelle im Web angegebene Heftnummer nicht zum Jahrgang 1963 sondern zu 1983. Deshalb glaube ich, in der Quelle wurde fälschlich 63 angegeben obwohl es 83 ist.


    Einfach mal anmailen oder anrufen. Die machen von gewünschten Artikeln Kopien.

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    Voltaire

    Einmal editiert, zuletzt von Lacplesis ()

  • Bin auf diese alte Diskussion gestoßen und mich würde interessieren was denn solche Belege kosten?

    Tibet, Nepal-Klassische Ausgaben, Irak-Eisenbahnmarken 1928-1942, Irak-Zwangszuschlagsmarken Hochwasser 1967, Overland Mail Baghdad-Haifa, SCADTA-Provisorische Einschreibmarken der Ausgabe 1921 & 1923, Kolumbien- Halbamtliche Ausgaben

  • Hallo 22028,
    zwei Worte reichen eigentlich:
    "Ein Vermögen"
    Es ist so, daß diese Post fast ausschließlich in Sammlungen verschwunden ist.
    So ab und an taucht mal ein Brief in einer Auktion auf. Um mal klare Zahlen
    zu nennen:
    100,- bis 500,- Euro und mehr sind realistisch. Es ist, wie überall, immer das
    Gleiche. Angebot und Nachfrage zählen. Ich persönlich habe in meiner Zensur-
    postsammlung noch keinen Beleg mit "Lissabon Postfach 506". Andere Belege
    mit ähnlichen Adressen verdeckter Art habe ich schon. Jedoch wurden die
    auch teuer erkauft


    Grüße


    Michael

  • Hallo 22028 und m.w.myname


    ich möchte mal meine Erfahrungen und Kenntnisse zu diesem interessanten postgeschichtlichen Thema beisteuern.


    Ich will zunächst das System mit dem Undercover-Postfach 506 in Lissabon während des 2. Weltkrieges noch einmal etwas ausführlicher erläutern, da dies nach meiner Erfahrung für die Bewertung der entsprechenden Belege, nach der 22028 gefragt hatte, von Bedeutung ist. Das Postfach diente dem Austausch privater Nachrichten zwischen Bürgern in Großbritannien und Bürgern in Feindstaaten (z.B. Deutsches Reich und Italien) bzw. in von Feindstaaten besetzten Gebieten (z.B. Niederlande). Der Postaustausch wurde von dem britischen Reiseunternehmen Thomas Cook & Sohn (kurz:TC&S) organisert.


    Hinsichtlich der Bewertung der Belege sind zwei Beförderungsrichtungen zu unterscheiden: Großbritannien ---> Feindstaat und Feindstaat ---> Großbritannien


    1. Großbritannien ---> Feindstaat bzw. besetzte Gebiete


    Ausgangspunkt der Korrespondenz war nach meiner Kenntnis stets ein Absender mit Wohnsitz in Großbritannien. Dieser hatte seine private Mitteilung in einem an den Empfänger im Feindstaat adressierten unverschlossenen Briefumschlag mit einem Anschreiben, das die Anschrift des Absenders in Großbritannien enthielt, in einem weiteren Briefumschlag an die Niederlassung von TC&S in London zu senden. Beizufügen war eine Postanweisung über 2 Shilling für die Handlingkosten von TC&S. In dem in den Feindstaat adressierten Brief selber (und natürlich auch auf dem Briefumschlag) durfte die Anschrift des Absenders in Großbritannien hingegen nicht angegeben werden.


    In London wurde die Anschrift des Absenders und des "zugehörigen" Empfängers im Feindstaat für etwaige Antwortschreiben (siehe unten 2.) bei TC&S registriert und der offene Brief der britischen Zensur zugeleitet. Nach der Zensur wurde der für den Feindstaat bestimmte Brief von der Zensurbehörde an TC&S zurückgegeben wobei allerdings keine Zensurvermerke bzw. Verschlussstreifen o.ä. angebracht wurden, so dass auf den ersten Blick nicht erkennbar war, dass der Brief die britische Zensur durchlaufen hatte.


    Der Brief wurde dann von TC&S verschlossen und auf dem Seeweg nach Lissabon befördert. Gegen Aufpreis soll auch eine Luftpostbeförderung möglich gewesen sein. In Lissabon wurde der Brief von der dortigen Niederlassung von TC&S mit portugiesischen Briefmarken frankiert und der portugiesischen Post zur Beförderung in den Feinstaat bzw. das besetzte Gebiet übergeben. Im Feindstaat angekommen durchlief der Brief dann noch die dortige Zensur und wurde dem Empfänger anschließend zugestellt.


    Derartige Briefe sind für Sammler dadurch zu erkennen, das die Niederlassung von TC&S auf der Rückseite der Briefe den Namen des Absenders mit dem Zusatz "Postbox 506 Lissabon" oder einen entsprechenden Hinweisstempel, z.B. in deutscher Sprache "Sendet Antwort an/meinen vollen Namen/per Adresse Postfach/506 Lissabon" anbrachte.


    Auf Auktionen oder bei Händlern habe ich solche Briefe bislang nicht gesehen, so dass ich da auch keine Bewertung abgeben kann. Über das Postfach 506 sind jedoch erhebliche Postmengen gelaufen, nach Angaben in der einschlägigen Fachliteratur (siehe unten 3.) wurden bis Ende 1943 von Großbritannien in Richtung Feindstaat 250.000 Briefe und in umgekehrter Richtung 150.000 Briefe befördert. Ich bin mir sicher, dass bei Auktionen, Händlern oder in der "elektronischen Lagune" (ebay) entsprechende Belege "schlummern", die vom interessierten Sammler nur entdeckt und zum Schnäppchenpreis herausgefischt werden müssen.


    (Fortsetzung folgt)



    saintex

  • 2. Feindstaat bzw. besetzte Gebiete ---> Großbritannien


    Bei den Belegen, die ich bisher bei Händlern und auf Auktionen gesehen habe, handelte es sich ausschließlich um Belege dieser Beförderungsrichtung, also um Antwortpost von Bürgern in Feindstaaten bzw. besetzten Gebieten an Korrespondenzpartner in Großbritannien.


    Diese Briefe sind mit dem Namen des britischen Empfängers an das Postfach 506 in Lissabon adressiert und tragen die Zensurvermerke des jeweiligen Feindstaates, also z.B. bei Post aus dem Deutschen Reich die Zensurvermerke der Auslandsbriefprüfstelle München als der für Post nach Portugal zuständigen Prüfstelle.


    Von Lissabon aus wurden diese Briefe dann ungeöffnet von TC&S nach London befördert und dort der britischen Zensur vorgelegt. Dort wurden die Briefe geöffnet, zensiert und anschließend mit den Verschlussstreifen der britischen Zensur wieder verschlossen. Diese Briefe tragen also, anders als die von Großbritannien aus in Richtung Feindstaat beförderten Briefe, eine Doppelzensur, was sie offensichtlich bei zahlreichen Zensurpostsammlern so beliebt macht.


    Nachdem die Briefe TC&S von der britischen Zensur in London zurückgegeben wurden, ermittelte TC&S aufgrund der dort registrierten Daten (siehe oben 1.) die Klaradresse des britischen Empfängers und stellte diesem den doppelt zensierten Brief mit der Post zu.


    Bei der Zustellung durch TC&S gab es offensichtlich zwei Varianten:


    Entweder der zensierte Brief wurde dem Empfänger von TC&S unter Umschlag an seine britische Anschrift zugestellt, was anscheinend die häufigere Variante war. In diesem Fall trägt der äußere Zustellumschlag das Zustellporto von 2 1/2 d, innenliegend befand sich der doppelt zensierte Brief aus dem Feindstaat.


    Oder TC&S sparte sich den Zustellumschlag. In diesem Fall wurde die Klaranschrift des Empfängers mit Schreibmaschine auf einen gelben Zettel geschrieben, der von TC&S auf die Vorderseite des zensierten Briefes geklebt wurde und die Angabe "Postfach 506 Lissabon"verdeckte. In diesen Fällen wurde ebenfalls das britische Zustellporto (2 1/2 d) auf den zensierten Brief neben die Frankatur des Feindstaates geklebt. Derartige Briefe mit "Mischfrankatur" z.B. Deutsches Reich/Großbritannien wurden von der Royal Mail offensichtlich unbeanstandet befördert. Dadurch ergeben sich optisch kuriose Frankaturen, wenn neben den damals in Deutschland gebräuchlichen Freimarken mit der Abbildung des Reichspräsidenten Hindenburg eine britische Dauermarke mit dem Konterfei des damals regierenden britischen Königs Georg VI klebt. Gerade solche Briefe scheinen sich insbesondere bei britischen Sammlern großer Beliebtheit zu erfreuen.


    Was die Bewertung dieser Belege betrifft kann ich die hohen Preisangaben von m.w.myname nicht bestätigen.


    Am 12.4.2012 wurde im britischen ebay ein Brief aus Italien mit Doppelzensur Italien/GB für umgerechnet 75 Euro zugeschlage. Geboten hatten 6 Sammler.


    Ein mir bekannter britischer Händler bietet derzeit zwei Briefe der 1. Variante aus den Niederlanden bzw. Belgien für ebenfall 50 bzw. 70 britische Pfund (= 60 bzw. 85 Euro) an. Falls m.w.myname Interesse hat, sende ich die Anschrift dieses Händlers gerne per PN.


    Auf der 40. Grosvernor Auktion am 29./30.5.2008 wurde ein Los mit zwei Briefen der 2. Alternative aus den Niederlanden und Deutschland für insgesamt 110 Pfund zugeschlagen. Dies entspricht nach heutigem Umrechnungskurs einem Betrag von ca. 133 Euro.


    So, der Schluß mit den Literaturangaben folgt später. Ich muss jetzt erst mal mein Freitagabendbier trinken.



    saintex

  • Hallo saintex,
    besten Dank für Deine ausführlichen Ergänzungen zu diesem Thema. Schicke
    mir dann bitte die Adresse des Auktionshause. Vielleicht kann ich ja mal mit
    meinem beschränkten Budget etwas feines ergattern


    beste Grüße


    m.w.myname