Zum Sprachenstreit im alten Österreich-Ungarn – die Landschaftsmarken von Bosnien-Herzegowina

  • Einleitung


    Am 1. November 1906 erschien im österreichisch-ungarischen Okkupationsgebiet Bosnien-Herzegowina die bekannte Landschaftsserie, gestaltet von Prof. Koloman Moser, die mit ihren Motiven und ihrer anspruchsvollen künstlerischen Ausführung beim Publikum und bei Sammlern aufsehen erregte. Erstmalig im Okkupationsgebiet waren die Marken mit dem Landesnamen beschriftet. Heute, 100 Jahre später, kann über eine kritische Stellungnahme des Gemeinsamen Finanzministers hierzu berichtet werden. Das Gemeinsame Finanzministerium in Wien war für Verwaltung und Finanzen des Okkupationsgebietes zuständig und stand im Jahre 1906 unter der Leitung von I. Burián v. Rajecz.


    Dieser erhob drei Wochen vor dem Ausgabetag Einwände gegen die deutschsprachige Landesbezeichnung. Daraufhin ordnete das k. und k. Kriegsministerium Versuche an, die zeigen sollten, ob sich der Landesname entfernen oder unter einem Aufdruck
    "K. UND K. MILITÄRPOST" verbergen ließ. Diese Vorgänge sind in kürzlich aufgefundenen Akten des Kriegsministeriums dokumentiert. Bei den gelegentlich angebotenen Einzelstücken oder Sätzen von Landschaftsmarken mit verschiedenfarbigen Aufdrucken "K. UND K. MILITÄRPOST" (Abb. 1) handelt es sich also um amtlich angeordnete Probedrucke.



    Verunstaltung von graphischen Meisterwerken durch einen Aufdruck?


    Die Vorbereitung der neuen Markenausgabe hatte mindestens 1 ½ Jahre in Anspruch genommen. Es war ein Novum, dass auf für den täglichen Gebrauch bestimmten Marken keine Herrscherporträts, keine staatlichen oder postalischen Symbole dargestellt waren, sondern Szenen aus Natur, Baukunst Volksleben und postalischem Alltag des Ausgabelandes. Einzig der Höchstwert von 5 Kronen war dem Porträt des Kaisers vorbehalten. An die künstlerische Gestaltung der Marken und den Stich der Kupferplatten hatte man höchste Anforderungen gestellt. Die Markenserie sollte – so würde man heute sagen – für das Land werben.


    Im April 1906, ein halbes Jahr vor dem in Aussicht genommenen Erscheinungstag, wurden dem Gemeinsamen Finanzministerium Probedrucke der Marken überreicht. Diese scheinen aber nicht bis zum Minister gelangt zu sein; jedenfalls haben sie damals nicht seine Aufmerksamkeit gefunden. Denn erst nach dem Eingang weiterer Noten des Kriegsministeriums vom 1. und 17. September 1906 und nach Erhalt einer vollständigen Kollektion der nun fertiggestellten Marken, Korrespondenzkarten und Kartenbriefe sandte Burián v. Rajecz am 10. Oktober, drei Wochen vor dem Erscheinungstag, ein dringendes Schreiben an das Kriegsministerium, in dem es heißt:


    "So gerne ich auch die künstlerische Ausstattung dieser neuen Marken anerkenne, so gibt doch die textliche Bezeichnung derselben ausschliesslich in deutscher Sprache zu sehr schwerwiegenden Bedenken Anlass, weshalb ich mir die Bitte zu stellen erlaube, mit der Hinausgabe derselben insolange zuzuwarten, bis bezüglich der sprachlichen Bezeichnung derselben eine Einigung erzielt ist.


    Die Aufschrift ,Bosnien-Herzegowina’ in deutscher Sprache wird voraussichtlich zu vielfachen Rekriminationen Anlass geben, da es jedenfalls passender gewesen wäre, die Landessprache in beiden Schriftarten zur Aufschrift zu benützen, als die deutsche Sprache, welche wohl die ausschließliche Amtssprache der Kriegsverwaltung, keinesfalls aber jene der bosn-herc. Verwaltung ist.


    Und da keinerlei Zusatz bezüglich des militärischen Charakters der Postverwaltung in Bosnien-Hercegovina auf diesen Marken ersichtlich ist, so wird es für den Uneingeweihten und Fernstehenden nicht verständlich sein, warum sich die Verwaltung Bosniens und der Hercegovina, eines durchaus slawischen Gebietes, bei der Emission solcher für die weiteste Oeffentlichkeit und in erster Linie für den Gebrauch der Bevölkerung bestimmten Drucksorten ausschliesslich der deutschen Sprache bedient."


    Das Schreiben wurde im Kriegsministerium mit Randbemerkungen versehen, von denen eine auf die rechtzeitige Vorlage von Probedrucken hinweist. Trotzdem sistierte das Ministerium am 11. Oktober die Ausgabe der bereits fertiggestellten Wertzeichen bis auf weiteres und ordnete Versuche zur Abänderung der Aufschrift an.


    Über die Ergebnisse der Versuche berichtete der Kriegsminister dem Gemeinsamen Finanzminister am 20. Oktober.



    Die Abbildung 2 zeigt Kopf und Textanfang als Faksimile. Weiter heißt es in dem Brief:



    "Diese sehr eingehend durchgeführten Versuche haben einerseits die Unmöglichkeit ergeben, die Aufschrift der neuen Militärpost-Wertzeichen gänzlich zu beseitigen; andererseits scheiterten aber auch alle Bemühungen, die Aufschrift im Wege des Buchdruckes mit den Worten "K. u. k. Militärpost" zu überdrucken. Die ursprüngliche Aufschrift war in letzterem Falle unter allen Verhältnissen mehr oder weniger deutlich lesbar und der Ueberdruck wäre bei der notwendigen Massenarbeit bei vielen Wertzeichen sogar auf der Bildfläche der letzteren erschienen."


    Es wurde auf die Verunstaltung der Marken durch einen Aufdruck und auf den Umstand hingewiesen, dass eine für jedermann erkennbare nachträgliche Änderung der Beschriftung erst recht öffentliches Aufsehen erregen würde.


    Dann kam der entscheidende Satz: "Aus diesem Grunde habe ich die am 11. d. Mts. verfügte Sistierung aufgehoben und telegraphisch angeordnet, dass die Militärpost-Wertzeichen – wie ursprünglich anbefohlen – mit 1ten November zur Ausgabe zu gelangen haben."


    Bemerkenswert ist, dass mit einem auf den militärischen Status der Post hinweisenden Aufdruck immerhin Versuche angestellt wurden, nicht jedoch mit einem Aufdruck des Landesnamens in kroatischer Sprache. Das Kriegsministerium bevorzugte es, bei den Postwertzeichen die Amtssprache des Militärs zu verwenden. Auch die knapp zwei Jahre zuvor erschienenen Portomarken der Militärpost waren deutsch beschriftet, allerdings nicht mit dem Landesnamen. Im Gegensatz dazu hatten die Stempelmarken von Bosnien-Herzegowina, von wenigen für spezielle Abgaben bestimmten Wertzeichen abgesehen, keine deutschen, sondern kroatische und meist auch türkische Inschriften.


    Die Stempelmarken wurden, anders als die Postwertzeichen, von der Landesregierung herausgegeben, die dem Gemeinsamen Finanzministerium nachgeordnet war.



    Bedeutung für Philatelie und Postgeschichte


    Die vorstehend zitierten Akten des Kriegsministeriums klären endlich darüber auf, warum Landschaftsmarken versuchsweise mit Aufdrucken "K. UND K. MILITÄRPOST" versehen wurden, uns sie belegen, dass dies auf amtliche Anordnung geschah.


    Seit dem Erscheinen des letzten "Ferchenbauer" sind auch die Werte zu 5 Kronen mit schwarzem und zu 45 Heller mit goldfarbenem Groteskaufdruck bekannt geworden. Nie hat man ein Stück mit Bogenrand, ein Paar oder gar größere Einheiten dieser Marken gesehen. Dass lässt vermuten, dass die Versuche an Einzelstücken vorgenommen wurden, die aus fertigen Bogen stammten.


    Zwei Blätter mit Einzelabdrucken der Aufdrucktexte für Heller- und Kronenwerte in den verschiedenen verwendeten Farben (Abb. 3) unterstützen diese Vermutung.


    Soviel zum Sprachenstreit im alten Österreich- Ungarn im Spiegel der Zeit.


    Quelle: Die Briefmarke Nr. 10/2006