Das wertvolle Lächeln der schönen Audrey

  • Mit Hilfe von Audrey Hepburn könnte sich Werner Dürrschmidt jetzt auch mal ein „Frühstück bei Tiffany“ leisten. Denn die 1993 verstorbene Hollywood-Schauspielerin hat den Rentner aus Leupoldsgrün im Landkreis Hof reich gemacht. 53 000 Euro brachte ein 46 mal 27,32 Millimeter kleines Bild von ihr jetzt bei einer Auktion ein. Dürrschmidt hatte die lächelnde Schönheit vor zwei Jahren entdeckt: Auf einer Briefmarke, die es offiziell nie gegeben hat.


    LEUPOLDSGRÜN – Werner Dürrschmidt ist froh, dass sein Briefmarken-Krimi nun doch noch gut ausgegangen ist. Denn wegen „seiner“ Audrey Hepburn musste sich der pensionierte Postbeamte als Dieb und Lügner bezichtigen lassen, die Kripo hatte er gleich ein paar Mal im Haus. Und wie es sich auf der Anklagebank am Hofer Landgericht sitzt, weiß der stets unbescholtene Rentner jetzt auch.


    Das Verfahren, das Dürrschmidt doch einiges an Nerven gekostet hat, endete – natürlich – mit einem Freispruch. Ein Briefmarkensammler aus Österreich hatte behauptet, das seltene Stück sei ihm, zusammen mit einer Zwillingsmarke, aus seinem Haus in Kufstein gestohlen worden. Doch Dürrschmidt konnte zweifelsfrei nachweisen, dass zum Zeitpunkt des angeblichen Diebstahls seine Audrey Hepburn bereits in einem seiner vielen Sammelalben einsortiert war. „Das hat doch alles hinten und vorn nicht gepasst, was der behauptet hat“, erinnert sich Dürrschmidt.


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    Auktions-Krimi


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    Trotzdem: Weil die Anzeige aus dem Ausland kam, waren sogar Interpol und das Bundeskriminalamt eingeschaltet. „Ich musste mir einen Anwalt nehmen und die geplante Auktion der Marke wurde verschoben, weil die Eigentumsverhältnisse nicht geklärt waren.“


    Am 2. März dieses Jahres habe der Kläger aus Österreich während der Verhandlung in Hof wohl die Aussichtslosigkeit seines Vorhabens erkannt und seine Anzeige zurückgezogen. Dürrschmidt schüttelt den Kopf: „Jetzt muss er die Verfahrenskosten zahlen, ein paar tausend Euro hat ihn der Spaß bestimmt gekostet.“


    Dürrschmidts Marke, eines der seltensten Postwertzeichen der deutschen Philatelie-Geschichte, war damit frei zum Verkauf. An einem Freitag, dem 13., sollte im Düsseldorfer Auktionshaus Ulrich Felzmann der Hammer des Versteigerers fallen. Für Werner Dürrschmidt und seine Frau Heidi der nächste Krimi: „Wir sind natürlich selber raufgefahren. Die Audrey war mit 25 000 Euro Anfangsgebot die teuerste Marke im ganzen Katalog“, sagt Dürrschmidt und zeigt den kiloschweren Wälzer mit den insgesamt über 6000 Auktions-Losen, auf dessen Titelseite die Schauspielerin von ihrer Marke lächelt, Los-Nummer 5379.


    „So um die 30 000 Euro, höchstens 40 000“ hatte sich Dürrschmidt vom Verkauf erhofft. „Das ist schon ein seltsames Gefühl: Alle paar Sekunden wirst du um 1000 Euro reicher.“ Schnell war die 35 000-Euro-Grenze erreicht, „dann stagnierte es“. Auktionshaus-Chef Felzmann hatte schon den Hammer gehoben: „Zum Ersten, zum Zweiten. . . und zum. . .“ Doch da meldete sich ein Bieter am Telefon. Es ging weiter: 40 000, 45 000, 50 000. „Da gab's dann spontan Beifall im Saal.“ Werner Dürrschmidt spürte die Hand seiner Frau auf dem Arm: 51 000, 52 000, 53 000. ,,. . .und zum Dritten!“ Verkauft an einen betuchten deutschen Sammler, der gerne anonym bleiben möchte.


    „Ich bin voll und ganz zufrieden“, sagt Dürrschmidt im Rückblick. Schließlich fehlte seiner Audrey ein Zacken oben rechts und links habe sie auch eine kleine Beschädigung abbekommen. „Von den drei Marken, die bislang von diesem Motiv aufgetaucht sind, war meine sicher die qualitativ schlechteste.“


    Die anderen beiden Audreys wurden inzwischen auch versteigert: Für 58 000 Euro die eine, für 135 000 Euro die andere. Weltrekordpreis für eine deutsche Nachkriegs-Briefmarke. „Die ganz teure hat eine zusätzliche Besonderheit“, erklärt der Sammler, „da war nämlich die illustrierte obere Bogenecke noch dran.“ Sie gilt inzwischen als die wertvollste moderne Briefmarke der Welt.


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    Nicht rauchend


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    Audrey Hepburn lächelte gleich 14 Millionen Mal von dem winzigen Fetzen Papier, als sie im Oktober 2001 in der Serie „Internationale Schauspieler“ zusammen mit Charlie Chaplin, Marilyn Monroe, Greta Garbo und Jean Gabin in Umlauf gebracht werden sollte, für 0,56 Euro Nennwert und 0,26 Euro Zuschlag „Für die Wohlfahrtspflege“. Doch kurz bevor die Marke in die Postämter ausgeliefert wurde, verhinderte Hepburns Sohn die Veröffentlichung. Er verweigerte dem Bundesfinanzministerium als Herausgeber der Marke die Genehmigung, das Bild seiner Mutter zu verwenden. Hepburn ist darauf in ihrer berühmtesten Rolle dargestellt: als Holly Golightly in „Frühstück bei Tiffany“ mit extravagantem Hut und Zigarettenspitze. Genau daran störte sich der Sohn: Rauchend sollte man seine Mutter nicht in Erinnerung behalten.


    Die Marke wurde zurückgezogen, Hunderttausende bereits gedruckter Bögen eingestampft. Doch – der nächste Krimi – drei Exemplare schafften es dennoch auf einen Briefumschlag, wurden abgeschickt, gestempelt, befördert.


    „Wie die Marken in Umlauf kamen, darüber kann man nur spekulieren“, sagt Werner Dürrschmidt. Wolfgang Maassen, Chefredakteur des Fachmagazins Philatelie, vermutet die undichte Stelle beim Bundesfinanzministerium: „Dort waren – wie in der Bundesdruckerei – Musterbögen vorhanden.“ Diese so genannten Druckausfallmuster waren vor der endgültigen Freigabe an verschiedene Stellen geschickt worden: an die Künstlerin Antonia Graschberger und den Vorsitzenden des Kunstbeirates, Karl Oskar Blase, zum Beispiel. Doch die schickten die Muster artig wieder zurück. Zwei weitere Bögen mit je zehn Marken gingen an die Deutsche Post. Post-Sprecher Dirk Klasen: „Unsere Bestände sind vollzählig.“ Ein Bogen liegt demnach im Unternehmensarchiv, der andere im Museum für Kommunikation in Berlin.


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    Bündelware


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    Bleiben drei Druckausfallmuster-Bögen, die ins Bundesfinanzministerium geschickt wurden. Eine Mitarbeiterin des Referats Postwertzeichen der Behörde in der Berliner Wilhelmstraße bestätigt hier auf Presseanfragen: „Es lässt sich nicht nachvollziehen, wo die Marken abgeblieben sind.“ Philatelie-Chefredakteur Maassen will deshalb nicht
    ausschließen, „dass ein Ministeriums-Mitarbeiter damit
    seine Privatpost frankierte“.
    Abgestempelt ist Werner Dürrschmidts Audrey tatsächlich in Berlin, Briefzentrum 21 (Berlin-Schönefeld) am 14. Oktober 2003, 22 Uhr. Auf dem Sammlertisch in Leupoldsgrün landete das Hepburn-Konterfei im August 2004 in einem Bündel „Kiloware“, ausgemusterter Firmenpost mit Umschlagausrissen.


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    Schatz gefunden


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    Unter den 4000 Marken in dem unsortierten Packen fiel Dürrschmidt die eine auf, die er noch nirgendwo gesehen hatte. „Ich dachte: Nanu, die kennst du ja gar nicht.“ Auch in einschlägigen Katalogen war das Stück nicht verzeichnet. Erst mit Hilfe des Bundes deutscher Philatelisten kam der Sammler der Herkunft der Marke auf die Spur. Später fanden sich noch zwei weitere Marken, abgestempelt im Osten Berlins und im nahen Klein-Machnow, die vermutlich von den drei verschwundenen Musterbögen stammen. Theoretisch könnten also noch 27 unentdeckte Schätze irgendwo schlummern.


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    Säcke unterm Dach


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    Werner Dürrschmidt will weiter sammeln und einen Teil des erzielten Verkaufsgewinns in Marken stecken, die in seiner Sammlung noch fehlen. Ehefrau Heidi wird weiter über Plastiksäcke voller unsortierter Marken steigen müssen, die in der Sammler-Stube unterm Dach lagern. „Er sammelt seit vierzig Jahren“, sagt sie. „Das wird nicht mehr anders.“


    Immerhin hat sich die Leidenschaft ihres Mannes nach den vielen Jahren doch noch ausgezahlt. Auch wenn Werner Dürrschmidt heute ganz leidenschaftslos davon erzählt, dass „seine“ Audrey Hepburn nun bei einem anderen Sammler im Album steckt. „Ach, wissen Sie“, sagt er, „dass war doch eigentlich nur ein Stückchen Papier, das man gefunden hat.“


    SELTENER ALS DIE BLAUE MAURITIUS


    Wie selten Werner Dürrschmidts Fund ist, zeigt ein Vergleich: Von der legendären „Blauen Mauritius“, ohne Frage die berühmteste Briefmarke aller Zeiten, gibt es vier Mal so viele Exemplare wie von der mysteriösen deutschen „Audrey-Hepburn-Sondermarke“. 500 Stück des falsch beschrifteten Postzeichens von der Insel im Indischen Ozean waren 1847 gedruckt worden, zwölf der millionenschweren Leichtgewichte sind heute weltweit hinter dicken Tresormauern verstaut. Der Sammlerwert liegt bei über einer Million Euro pro Stück. Von der Schwester-Marke, der „Roten Mauritius“, sind noch 14 Stück erhalten.


    Die kleine Audrey (46 mal 27,32 Millimeter) ist verkauft, aber dafür hat Briefmarkensammler Werner Dürrschmidt aus Leupoldsgrün vom Auktionator eine große Reproduktion als Erinnerung erhalten. Dürrschmidts Fund brachte bei der Versteigerung jetzt 53 000 Euro ein. Die Marke mit Hollywood-Star Audrey Hepburn wurde nie offiziell herausgegeben, trotzdem gelangten drei Exemplare in Umlauf. Mit im Bild: Werner Dürrschmidts Ehefrau Heidi.




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