Post aus dem Felde

  • KYFFHÄUSERKREIS. Ältere Schernberger erinnern sich noch an jenen Tag im April 1945, als an der Schernberger Holzecke 17 junge Männer Opfer von Hitlers Wahnsinn vom Endsieg wurden. 17 Frauen des Dorfes pflegen seitdem die Soldatengräber. Eine ähnliche tragische Geschichte gegen das Vergessen stellt der Philatelist Peter Kalusniak aus Ebeleben mit "Post aus dem Felde" vor.


    Briefe und Postwertzeichen sind das Hobby des Lehrers und heutigen Rentners Peter Kalusniak. Und weil er für diese Leidenschaft bekannt ist, erhielt er eines Tages hunderte Briefe, die ihm ein Bekannter aus Ebeleben aus dem Nachlass einer verwandten Familie dankenswerter Weise überließ.


    "Mich interessierten weniger die Umschläge und Marken, sondern vielmehr der Inhalt", erklärte der Philatelist, der auf eine unter die Haut gehende tragische Geschichte gestoßen war. Und je mehr sich der Sammler vertiefte, um so reifer wurde der Gedanke: "Das muss man öffentlich machen."


    Es ist das traurige Schicksal einer Familie aus Stendal, die sich viel zu erzählen hatte. Hunderte Briefe hat die Tochter des einstigen Glasermeisters Gustav Badewitz sorgfältig aufbewahrt - die meisten davon von ihrem Bruder Günter. Denn nur diese notierten Gedanken und die Erinnerung waren den Eltern und ihr von ihm geblieben. Wie Millionen in der Blüte des Lebens stehende Männer musste er gerade einmal 20 Jahre alt im August 1942, im fürchterlichsten aller bisherigen Kriege, sein Leben lassen.


    Am 17. März 1942 wurde Günter Badewitz zur Wehrmacht eingezogen. Noch auf der Bahnstation am Einberufungstag schrieb Günter Badewitz an die Mutter, fast täglich folgten weitere Zeilen. Die Briefe zeugen davon, mit welch verblendeter Euphorie auch der damals 19-Jährige in den Krieg gezogen war. Doch mit jedem Tag an der Front wuchs die Erkenntnis: "Das ist nicht mein, nicht unser Krieg." Peter Kalusniak blättert in der dicken Mappe und liest: "Liebe Anneliese (die Schwester, Anmerkung der Red.)! Ich sitze bei glühender Hitze in einem Panzerdeckungsloch. Hier weiß man nie, ob man den morgigen Tag noch erlebt. Vor allem, liebe Anneliese - ich bitte Dich, dies nicht nach Hause zu schreiben - habe ich schreckliches Heimweh und ich werde das Gefühl nicht los, dass mir bei diesem Einsatz noch etwas passiert. Vielleicht kommt es vom Fieber, aber manchmal könnte ich vor Heimweh heulen - denn was man hier so um sich hat, sind doch nur Dreck und Läuse. Kein freundliches Wort, nur dumme Antworten. Die Uniform hängt nur so an einem herum. Man wird immer weniger und schlapper. Ich bin ganz verzweifelt. Du wirst sicherlich denken, was für ein Waschweib - aber es ist nun mal so: Hier verlernt man wirklich das Lachen, und Humor besitze ich nicht mehr. Jeden Tag das Grauen um einen herum. . ., jedenfalls gehe ich hier scheinbar seelisch kaputt."


    "Am selben Tag schreibt er auch einen Brief an die Eltern", erzählt Peter Kalusniak, fischt auch dieses Manuskript heraus und liest: "Manchmal denke ich ja, ein Heimatschuss (eine Selbstverstümmelung, auf die die Todesstrafe stand, Anmerkung d. Red.) ist nicht das Schlechteste - aber es kann ja zu leicht schief gehen, und da will ich lieber noch länger in Rußland bleiben, aber mit heilen Knochen. Wir haben jetzt dringend Ersatz nötig. Die Kompanie hat doch kaum noch 45 Mann Grabenstärke. . . Übrigens, mit dem Absenden des Päckchens wartet noch eine Woche, bis die Lage hier ruhiger geworden ist, sonst bin ich womöglich verwundet, wenn es hier ankommt, und sehe nie etwas davon. Ich werde nämlich heute noch nach vorn müssen." Der Philatelist weist auf eine Besonderheit hin: "Diese Zeilen tragen nicht den Feldpoststempel, sondern sind mit einer Marke versehen und in Breslau abgestempelt. Das Schreiben hatte der Sohn einem auf Urlaub Fahrenden mitgegeben", erläutert er. Und das sei auch sein letztes Lebenszeichen gewesen.


    "Bei einem Spähtruppeinsatz wurde Günter Badewitz verwundet, starb wenig später im Lazarett", sagt Peter Kalusniak.


    Der Onkel des Gefallenen - selbst zur Ostfront eingezogen - habe sich erkundigt, wie das passiert sei, er habe auch das Grab seines Neffen ausfindig gemacht und gepflegt, bis es ihn wohl selbst erwischt habe. Er sei vermisst, so der Ebelebener.


    Bewunderung ringt Peter Kalusniak Mutter Badewitz ab. Alle Briefe habe sie beantwortet. Was mag in ihr wohl vorgegangen sein ob der Nachrichten über die seelische und körperliche Verfassung ihres Sohnes? Diese Last hat sie wohl im Stillen allein getragen.


    Morgen wird an den Mahnmalen der Opfer von Gewalt und Krieg mit Blumen und Kränzen gedacht. Dafür haben die 16 Frauen um Rosi auch die 17 Soldatengräber unter der Buche auf dem Schernberger Friedhof hergerichtet - seit über sechs Jahrzehnten. Diesen Dienst gegen das Vergessen geben die Mütter an ihre Töchter oder an junge Frauen im Dorf weiter - mit der großen Hoffnung auf eine dauerhaft friedliche Welt.




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