Das Christkind unterm Poststempel

  • Philatelie: Acht Millionen Weihnachtsmarken tun jährlich Gutes – Lady Dianas Gemeinsamkeit mit der Heiligen Familie
    leer
    Weihnachtsrummel tobt nicht nur auf Straßen, Plätzen, in Einkaufszentren und bunt und laut in den Medien, sondern auch millionenfach auf wenigen Quadratzentimetern Papier. Und das weltweit und grenzüberschreitend. „Fast jedes Land der Erde gibt Weihnachtsmarken heraus, selbst wenn das Christentum dort keine Rolle spielt“. Dieter Bernhard muss es wissen, der Neunundsechzigjährige ist Kassenwart des Briefmarkensammlervereins Rüsselsheim 1948 e. V. und sammelt seit 60 Jahren. Die Madonna mit dem Christkind auf Marken islamischer Länder sei ebenso wenig ungewöhnlich wie Krippenszenen auf Marken der religionsfernen früheren Ostblockstaaten. Bernhard und seine Vereinskollegen präsentieren ein Marken-Oktett aus den Tagen des sozialistischen Ungarn: acht Madonnen mit Kind, schockbunt koloriert.


    „Billigster Druck, reine Geldmacherei“ sagt Bernhard. Der Grund für derartige postalische Weihnachtsanwandlungen sei einzig allein das Geld, sagt Bernhard mit kaum merklichem Stolz im Unterton, denn letztlich seien es die vielen Sammler, die die Marken kauften und in den Ministerien aller Herren Länder zu Weihnachten die Kassen klingeln machten, sei es nun in Afrika, Asien oder Europa.


    Ein vergleichbarer Geldbringer sei Lady Diana, deren Konterfei Marken von Ländern ziere, die nie etwas mit der populären Toten zu tun hatten, ergänzt Siegfried Matyja, Vorsitzender der Rüsselsheimer Briefmarkensammler.


    In Deutschland ist die Tradition der Weihnachtsmarke gar nicht so alt, erst seit 1969 gebe die deutsche Post derartige Sondermarken heraus, sagt Bernhard mit Blick in den „Michel“, die in mehreren Teilausgaben seit über 90 Jahren erscheinende Katalogbibel für den deutschen Philatelisten.


    In diesem Jahr zieren Altargemälde des spätgotischen Meisters Franke die deutschen Exemplare. Von Anfang an sind die bundesrepublikanischen Weihnachtsmarken mit einem Zuschlag versehen, sind sie nicht nur bunte Quittungen für die Beförderung von Briefen, Paketen und Karten, sondern auch Träger eines Benefizzweckes. Davon profitieren die sechs Wohlfahrtsverbände im Land, die sich allein im vergangenen Jahr über Erlöse von zwei Millionen Euro freuen durften. Zwei Drittel der rund acht Millionen Weihnachtsmarken werden an den Postschaltern verkauft, ein Drittel bringen die Verbände selbst unter die Leute. Bei den anderen, nicht weihnachtlichen Wohlfahrtsmarken seien die Anteile genau umgekehrt. „Ein Zeichen dafür, so Sigrid Forster von der Bundesarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege in Köln, „dass die Spendenbereitschaft, etwa an den Postschaltern, rund um die Weihnachtsmarke einfach höher ist“. Forster: „Alle wollen an Weihnachten Gutes tun“.


    Für Briefmarkensammler wie Bernhard und Matyja sind Weihnachtsmarken freilich nicht mehr als eine Fußnote. Der Fachmann hat sein Fachgebiet im Blick. Allein die Deutsche Post gebe jährlich etwa 50 Sondermarken mit und ohne Zuschlag heraus, sagt Matyja. Ausgesprochene Spezialisten für Marken mit weihnachtlichen Motiven gebe es im Verein nicht. Am nächsten kommt dem vielleicht noch Mitglied Martin Kilb aus Flörsheim, der Marken mit Gemälde-Motiven sammelt und auf Anhieb sagen kann, ob eine Krippenszene nun Früh- oder Spätbarock ist oder die Madonna mit Kind von einem deutschen oder flämischen Meister stammt. Da er sich unter anderem auf Werke von Dürer spezialisiert hat, sind naturgemäß auch weihnachtliche Motive in Kilbs Sammlung.


    In der weltweiten Markenflut findet sich ein Sammler nur zurecht, wenn er sich spezialisiert. Karl-Ludwig Wegmann, Schriftführer des Vereins, hat etwa die Geschichte der Eisenbahn von den dampfmaschinellen Anfängen bis heute auf bunten Marken dokumentiert. Vorsitzender Matyja zückt die Standardutensilien des Sammlers – Pinzette, Lupe, Katalog und Zähnungsschlüssel – vornehmlich für Marken mit Landkartenmotiven. Dieter Bernhard hat seiner Sammelleidenschaft Ländergrenzen gesetzt. Entsprechend hängt für einen Sammler das innere Weihnachten mit philatelistischer Bescherung ganz von den Entscheidungen der Postministerien dieser Welt ab. Und natürlich vom Tauschkontakt mit anderen Sammlern. Die Erweckung des urmenschlichen Sammeltriebs sei freilich nur ein Aspekt des Briefmarkensammelns, betont Dieter Bernhard, der Teile seiner in sechs Jahrzehnten aufgebauten Sammlung in Tresoren verwahrt und sie hoch versichert hat. „Man lernt viel über das Sachgebiet, das man sammelt.“ Seien es nun Vögel, Autos, Lokomotiven, Pilze oder Olympische Spiele.


    Entsprechend sei man schon an Rüsselsheimer Schulen herangetreten, um die Kooperation zu suchen und um dadurch auch neue Mitglieder zu gewinnen, sagt Matyja. Denn beim Nachwuchs sieht es schlecht aus im Verein. Dabei stünde eine nachmittägliche Briefmarken-AG einer Schule mit Verpflichtung zur Ganztagsbetreuung sicher gut zu Gesicht, geleitet von Matyja oder einem seiner Vereinskollegen, die der Jugend gerne den Weg bahnen würden ins philatelistische Abenteuer. Wenn der Sammlernachwuchs gewahrt bleibt, ist den Rüsselsheimer Briefmarkenfreunden in Zeiten der Postprivatisierung auch um die Zukunft der Briefmarke nicht bange. Martin Kilb: „So lange es Sammler gibt, gibt es auch Briefmarken.“


    An jedem zweiten und letzten Sonntag eines Monats treffen sich die Mitglieder des Briefmarkensammlervereins Rüsselsheim 1948 e. V. zum Tauschtag im Treff 11, Erdgeschoss, Raum 03 (klingeln). Gäste und Interessierte sind willkommen. Im Januar sind die Treffs am 14. und 28.





    Zitat

    Quelle / Artikel: