Eine Stadt unter der Lupe

  • Die Philatelistengattinnen treffen sich in Hannover. Selbst beim Anblick von Granaten und Kanonen denken sie an Briefmarken


    Was haben Graf Wilhelm zu Schaumburg-Lippe, Erbauer der Festung Wilhelmstein, und die dort ausgestellten Bomben, Granaten und Kanonen mit Briefmarken zu tun? Nichts. Henrike Bittringer aus Büdingen in Hessen sieht trotzdem einen Zusammenhang: »Ich würde mal vermuten, der Graf war Briefmarkensammler.« Die Frage, die sie mit ihrer Reisegruppe diskutiert ist Folgende: Was wollte der Graf von seiner Festung aus wohl verteidigen? Sie liegt nämlich recht sicher, mitten in Norddeutschlands größtem Binnensee, dem Steinhuder Meer. Das ist 32 Quadratkilometer groß, im Schnitt anderthalb Meter tief und bekannt für seine Räucheraale.


    Die Festung wurde 1761 auf einer zu diesem Zwecke künstlich aufgeschütteten Insel erbaut, und Briefmarken waren es ganz sicher nicht, die hier verteidigt wurden: »Mensch Henni, du weißt doch, damals gab es noch gar keine Marken«, rügt die Freundin, »da war doch noch Präphilatelie…!« Sie hat Recht. Die erste Briefmarke der Welt wurde erst 1840 gedruckt, es war die berühmte »Black Penny«. Nein, auf der Festung Wilhelmstein wurde in einem Erbfolgekrieg der Schaumburg-Lipper gegen die Hessen die Kriegskasse verwahrt. Und in späteren Friedenszeiten beherbergte sie eine Militärakademie, in der auch General Gerhard Johann von Scharnhorst sich seine ersten Sporen verdiente, bevor er später den Truppen der Preußenkönigin Luise den berüchtigten preußischen Drill einschliff. Außerdem arbeiteten auf der Festung die brillantesten Waffentechniker damaliger Zeit: Sie hinterließen dem kleinen Museum Pläne für ein ruderbares U-Boot mit Atemrohr. Man munkelt, ein Prototyp sei im flachen Steinhuder Meer erprobt worden.



    Diese Details deutscher Militärgeschichte sind Henrike Bittringer und ihrer Freundin aber schnell zu kompliziert. Sie wollen raus aus den modrigen Mauern, in die Sonne, zurück zu dem Grüppchen älterer Damen, die an diesem Freitagnachmittag gemeinsam auf einem Segelboot zur Festung übergesetzt sind. Der Ausflug ist Teil des Rahmenprogramms der Naposta in Hannover, der Nationalen Postwertzeichenausstellung, dem größten Philatelisten-Event deutscher Sprache, das jedes zweite Jahr an einem anderen Ort stattfindet. Jede der Damen, die sich in diesem Moment im Biergarten auf der Insel Wilhelmstein mit Apfelschorle zuprosten, lebt also mit einem passionierten Briefmarkensammler zusammen. Mit einem, der es ernst meint. An guten wie an schlechten Tagen.


    Heute ist ein guter Tag, und Anette Hermann ist zu Scherzen aufgelegt: »Wenn man von einem Sammler seine Ruhe haben will, dann setzt man ihn auf so einer Festung mit seinen Marken aus und fährt fort. In aller Ruhe. Denn der wird sich nicht melden.« Seit sechs Jahren ist Anette Hermann mit einem Philatelisten liiert und in Wahrheit der Meinung, dass der ihr viel zu viel Ruhe gönne. »Mal ehrlich«, seufzt die Schwäbin, »ich bin oft eifersüchtig auf das Hobby, wenn er sich so wenig Zeit für mich nimmt.«


    Tatsächlich klingt, was manche Damen von den philatelistischen Aktivitäten ihrer Männer berichten, nach mindestens einem Halbtagsjob. Bis zu 20 Kataloge wöchentlich bekommt ein begeisterter Sammler zugeschickt, die er auf der Suche nach neuen Schätzen durchblättern muss. Dabei gibt es kein Sammelgebiet das nicht vorstellbar wäre: Historische Marken sind die Königsdisziplin. Milde belächelt werden dagegen die thematischen Sammler, die sich zum Beispiel für Orchideen interessieren, für Singvögel, Basketball, Engel oder skurrile Themen wie »Tropische Seuchen und Krankheiten«.


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