Briefmarken-Vorläufer

  • Auf die Frage nach der ältesten Briefmarke kommt meistens die Antwort: Das ist die erste Marke von Großbritannien, die 1 Penny schwarz (Penny Black) vom 6. Mai 1840. Auch die 2 Pence  blau erschien an diesem Datum.

    Die Zeit davor gehört zur Vorphilatelie. Da wurden die Briefe ohne Briefmarke befördert und nur mit einem Stempel versehen.

    Es gibt aber auch einige wenige Briefmarken-Vorläufer vor 1840. Die bestanden meist aus briefmarkenähnlichen Gebührenstreifen aus Papier oder Lokalpost-Stadtkuverts, die mit einem Stempel versehen waren, oder Ganzsachen.

    Pariser Stadtpost, Billet de port payé (Porto bezahlt) von 1653

    (Teil 1)

    Die Pariser Stadtpost war ein staatlicher Ortspostdienst in Paris, der erstmals unter Jean-Jacques Renouard im Jahre 1653 eingerichtet wurde. Das Briefporto musste vorausbezahlt werden, was durch einen Papierstreifen geschah, der mit einer Klammer oder einem Faden am Brief befestigt oder um ihn herumgeschlungen oder in denselben hineingesteckt oder auf irgendeine andere Art angebracht werden. Das Ausfüllen dieses Zettels wurde als Entwertung angesehen. Lt. Wikipedia soll sich kein Exemplar bis heute erhalten haben. Kein Wunder, so etwas sammelte damals kein Mensch, man warf es weg, und 370 Jahre in einem Speicher oder Keller überleben wohl nur die wenigsten Papierstreifen.

    In einem anderen Artikel las ich mal, ein Exemplar würde sich noch bei einem privaten französischen Sammler befinden und eines in einem französischen Museum (Carnavalet-Museum in Paris). Eine Abbildung davon habe ich nirgends gefunden.

    Von dem damaligen Pächter der Pariser Stadtpost, Renouard de Villayer, gibt es eine Sondermarke:

    https://de.wikipedia.org/wiki/…ques_Renouard_de_Villayer


    Gruß kartenhai

  • Pariser Stadtpost, Billet de port payé (Porto bezahlt) von 1653

    (Teil 2)

    Dem Auktionshaus Gärtner gelang mal wieder das Unmögliche, im Jahre 2010 fand sich dieser Vorläufer in einer Auktion wieder mit einem Ausrufpreis von 600,- EUR (Los-Nr. P 7947). Ob die Marke damals verkauft wurde, konnte ich nicht feststellen. Allerdings hatte Gärtner diese Marke in 2 späteren Auktionen noch einmal angeboten, teilweise zu über 1.000,- EUR Ausruf (vermutlich immer dieselbe), und es gab jedesmal keinen Bieter dafür.

    https://stamp-auctions.de/katalogarchiv/14_band_2.pdf

    Das Angebot ist leider nur auf Französisch im Katalog, hier die Übersetzung mit Google Translate:

    Extrem seltenes Porto, das 1653 von Renouard de Villayer von der Petite Poste in Paris auf Ligranelpapier bezahlt wurde. Laut Dr. Edmond Locard in seinem Handbuch für den Philatelisten (1942 ed. Payot) soll De Villayer ein Dutzend Arten dieser Notizen drucken. Dies ist neu, die andere bekannte (von einer anderen Art) aus der Von Ferrari-Sammlung befindet sich derzeit im Carnavalet Museum. Es ist in der Tat ein unbestreitbarer Vorläufer des Postbriefpapiers von Frankreich. Ex Pierre Mahé Sammlung. Hervorragender Erhaltungszustand trotz der handschriftlichen Aufzeichnungen in diesem Brief. TTB

    Da es für den Papierfetzen wohl keinen amtlichen Prüfer gab, werden wohl viele Sammler von einer Fälschung ausgegangen sein und hatten kein Interesse daran. Es wundert einen schon, man kann sich vorstellen, dass so eine Marke seltener ist als eine Blaue Mauritius, die es öfters gibt, und die bei weitem nicht so alt ist. Allerdings ist dieses Billet auch selten hässlich und primitiv, es gibt schönere Briefmarken. Aber dass nicht einmal ein briefmarkensammelnder französischer Millionär sich das Ding zu diesen Ausverkaufspreisen geschnappt hat, wundert mich schon sehr.

    Vielleicht hätte Gärtner das Billet mit dem sich in einem französischen Museum befindlichen Gegenstück vergleichen sollen wegen der Echtheit, dann hätte es sich sicher verkauft.

    Es gibt doch heutzutage auch die Möglichkeit, das Alter von Papier mittels einer Spektroskopie zu ermitteln, warum hat Gärtner das nicht gemacht, um das Alter zuverlässig zu bestimmen?

    Auf jeden Fall wurde das Billet im Katalog abgebildet, so dass man sich jetzt vorstellen kann, wie der älteste Briefmarken-Vorläufer ausgesehen hat.

    Gruß kartenhai

  • Wenn man sich ein bisschen im Internet danach umsieht, findet man eine Vielfalt von solchen Stücken, die zeigen sollen, wie die "Marken" von 1653 hätten aussehen können. Kein Wunder dass niemand viel Geld für solche Fantasieprodukte hinblättern will.

  • Griechenland Tesserakontalepton von 1831


    Über diesen Briefmarken-Vorläufer ist man sich nicht ganz einig. Die 40-Lepta-Marke soll eine Gebührenmarke sein für den Transport von Poststücken von Athen nach Piräus. Dem Vlastos-Katalog nach handelt es sich um eine Porto- oder Poststeuermarke, mit der Spenden für die Hilfe für kretische Flüchtlinge auf dem griechischen Festland während der Befreiungskriege Griechenlands vom Osmanischen Reich gesammelt werden sollten. Diese Marke sollte also die Bezahlung von Beiträgen an verschiedene wohltätige oder sonstige Fonds anzeigen.


    Im Kohl-Handbuch sind zwei Seiten über diese Marke zu lesen.


    Von der Marke oder Vignette oder Gebühren- oder Spendenmarke gibt es 2 Haupttypen:

    Typ 1 = 10 Perlen in dem vertikalen Rahmen, Größe: 26,5 x 36 mm

    Typ 2 = nur 9 Perlen in dem vertikalen Rahmen, Größe: 25 x 25 mm


    Experten unterscheiden noch mehr Untertypen in der Position der Schattierung.


    Hier noch ein ausführlicherer Artikel, leider nur in Englisch, über diesen Vorläufer:


    http://www.sismondostamps.com/infobyte/byte001.htm


    Gruß kartenhai