Wenn Stempel Geschichte(n) erzählen

  • Marienheide - Nein, Briefmarken sammeln würde ihn nicht reizen, sagt Erich Frütel aus Marienheide-Dürhölzen. Vor drei Jahren hat der 62-Jährige von einer Freundin eine Sammlung historischer Briefe aus Frankreich übernommen. Seitdem hat ihn die postalische Sammelleidenschaft gepackt. Die Dokumente stammen aus der Zeit von 1792 bis 1848, in der Briefe noch mit einem Poststempel freigemacht wurden. „Hierin liegt für mich der besondere Reiz, den Briefmarken nicht bieten: Die Briefe mit ihren verschiedenen Stempelformen spiegeln nicht nur die Geschichte des französischen Postwesens wider, sondern auch das politische Geschehen dieser Epoche.“


    In einem Ordner hat Frütel 150 Briefe sorgsam einsortiert. Dazu gehören Erläuterungen zu Absende-Département und Zeit. Die Schriftstücke zeigen die ganze Bandbreite der damaligen Korrespondenz: von Amts- und Geschäftsbriefen bis hin zu privaten Briefen. Doch der Inhalt ist für Frütel zweitrangig: „Auf die Stempel kommts an.“


    Wie Frütel erklärt, löste die Nationalversammlung im Jahr 1790 die alten Provinzen auf und teilte Frankreich in 83 Départements ein. Der Postbetrieb wurde zwei Jahre später in die Hände einer Agentur gelegt, welche die Stempel normte. „Das Stempelbild bestand fortan aus dem vollständigen Ortsnamen und der darüber gesetzten Nummer des Départements.“ Für kurze Zeit - von Februar bis März 1828 - gabs rechteckige Stempel. Danach wurden Zweikreisstempel eingeführt, die bis zum Erscheinen der ersten Briefmarken im Januar 1849 verwendet wurden. „Das Feld der markenlosen Postzeit beschäftigt weltweit zwar nur einen kleinen Kreis von Sammlern“, sagt Frütel, „trotzdem werden manche Briefe in speziellen Katalogen und im Internet hoch gehandelt.“ Ein Brief mit dem seltenen rechteckigem Stempel kann bis zu 600 Euro kosten. „Je kürzer der Zeitraum, in dem ein Stempel verwendet wurden, desto wertvoller ist das Poststück“, erklärt der Philatelist. Daneben hängt der Preis von der Sichtbarkeit des Stempels ab. „Außerdem sollte ein Brief »sauber« sein, das heißt, möglichst wenige Gebrauchsspuren aufweisen.“ Welchen Wert seine Sammlung hat, weiß Frütel nicht. Dass sie qualitativ hochwertig ist, haben Juroren bei mehreren Ausstellungen festgestellt: Bei einer „Rang 2“-Ausstellung - das ist die zweithöchste Klasse - holte Frütel zuletzt „Gold“.


    Die Richter bewerteten auch, dass die Briefe einen geschichtlichen Kontext aufweisen. So kann Frütel anhand von mehreren Briefen nachweisen, dass Gummersbachs Partnerstadt La Roche-surYon im Laufe der Zeit verschiedene Namen hatte: „Die Stadt hieß von 1804 bis 1814 sowie für 100 Tage im Jahre 1815 »Napoléon«. Damals war es üblich, Städte kurzerhand nach dem zurzeit Regierenden umzubenennen.“



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