Sammlung als Reise durch die Epochen

  • Nagold. Wir schreiben das Jahr 1650: Per Post geht ein fürstlicher Befehl in Nagold ein, sich an den Kosten für den Westfälischen Frieden zu beteiligen. Schnee von gestern? Nicht für Manfred Brösamle. Dem 69-jährigen Nagolder hat es die Postgeschichte seiner Stadt angetan. Unzählige Postkarten, Briefe, Postkutschen-Fahrscheine und Bottenbüchle schlummern in seinem Archiv. Sein persönliches Highlight: der Brief von Fürst Eberhard aus dem Jahr 1650 - original erhalten.


    Schon damals auf dem Schulhof haben es ihm Briefmarken angetan. "Das war schon immer mein Interesse", schwärmt Brösamle, der inzwischen schon seit 30 Jahren Vorsitzender des Nagolder Philatelisten-Klubs ist und Marken aus aller Welt und sämtlichen Epochen besitzt. Als Schuljunge, so sagt er heute, habe er versucht, verschiedene Marken zu sammeln und doppelte zu tauschen. 1973 fing er dann an, seine "postgeschichtliche Heimatsammlung aus Nagold" aufzubauen. Aus ihr ging seine zweite Sammlung hervor: "Nagold - Ansichten auf Postkarten". Diese stellte er 1986 zu Nagolds 1200-Jahr-Feier aus.


    Wenn Brösamle in seine kleine Schatzkammer greift, dann leuchten die Augen. Hier lagern etwa 800 verschiedene Postkarten - die älteste nachgedruckte stammt aus dem 17. Jahrhundert, die älteste originale von 1893 -, Telegrafen-Belege, Briefmarken aus aller Welt, Einbürgerungsurkunden oder Briefe von amerikanischen Auswanderern, die in ihre alte Heimat Nagold schreiben. Erst vor wenigen Wochen erhielt er einen Brief aus dem Jahr 1836 aus St. Louis, den er aus der Sütterlin-Schrift übertrug. Um an ihn zu kommen, bediente sich Brösamle ganz moderner Wege der Kommunikation: Durch eine Internet-Auktion erwarb er den Brief aus Spanien. Brösamle weiß, dass man nur selten historische Nagolder Dokumente auch wirklich in Nagold bekommt: "So etwas bekommt man nur durch Auktionen und Tauschbörsen. Oder durch einen großen Bekanntenkreis."


    Neben dem Brief von 1650 sind vor allem die Bottenbüchle sein großer Stolz. Das waren Bücher für Boten, die die Post von Amt zu Amt getragen haben. "Diese Bücher sind etwas ganz Seltenes, weil es immer nur eines für zwei Jahre gab", öffnet Brösamle den Schrank und zeigt seine Sammlung: Ganze acht Bottenbüchle sind in seinem Besitz. "Eine ganz große Seltenheit", wie er betont. Ebenfalls selten: Er besitzt einen Brief aus dem Jahr 1652, der eine Extra-Steuer für den 30-jährigen Krieg einfordert, und ein Original vom Maulkorb-Erlass aus dem Jahr 1813. Von Stuttgart aus wurde den Nagolder Beamten damit vorgeschrieben, die Meinung ihrer Vorgesetzten - vorwiegend in politischen Belangen - teilen zu müssen. Wie groß die Sammlung insgesamt ist, vermag er nicht zu sagen: "Das kann man nicht erläutern, dafür ist sie zu umfangreich."


    Im stillen Kämmerlein lässt Brösamle sein umfangreiches Wissen rund um die Postgeschichte in Nagold, Alt-Württemberg und dem Deutschen Reich aber nicht schlummern. Er ist Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft Württemberg, zudem veröffentlicht er zusammen mit dem Nagolder Heimatgeschichtsverein noch dieses Jahr ein Buch über seine Sammlung. Ein Jahr lang wurde daran gearbeitet, es befindet sich inzwischen bereits im Druck.


    Freilich: Ein echter Sammler ist immer auf der Suche. Vor allem seine Nagolder Postkarten-Sammlung will Brösamle weiter ausbauen: "Es gibt immer Sachen, von denen man nichts weiß. Wenn die auftauchen, dann will man die haben. Da freut man sich, wenn man wieder ein Stück einfügen kann in die Sammlung."


    Was eines Tages mit seiner großen Sammlung geschehen soll, weiß Brösamle noch nicht. "Mein ältester Sohn ist auch philatelistisch angehaucht, er ist ein sehr, sehr guter Kenner", freut er sich, zwinkert dann aber: "Vorerst arbeite ich an meiner Sammlung aber noch eine Weile selbst."




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