Die - Fancy Cancels, eine kurze Einführung

  • Die Postmeister in den USA hatten bis 1890 das Recht, ihre eigenen Stempel herzustellen. Hier waren der Phantasie der Postmeister absolut keine Grenzen gesetzt, obwohl sich hartnäckig das Gerücht hält, das sehr oft die Sekretärinnen der Postmeister die eigentlichen Schöpfer dieser in unendlicher Vielfalt vorkommenden Stempelschönheiten sind.
    Hergestellt wurden diese Stempel in der ersten Zeit aus Holz, auch Cork (auch einfache Flaschenkorken waren sehr oft ein Stempelwerkzeug!) war ein beliebtes Material, später dann wurden auch richtige Metallstempel hergestellt und die Stempel wurden immer ausgefallener und professioneller, da einige Postmeister hier ein lukratives Geschäft vermuteten (womit sie nicht ganz Unrecht hatten).
    Das Sammeln der Fancy Cancels gehört in den USA mit zu den absolut beliebtesten Spezialgebieten und es gibt hier einfache und oft vorkommende Stempel, bis hin zu seltenen und noch selteneren Einzelstücken. Auch hier sind Preise von wenigen Dollar bis hin zu phantastischen Summen vertreten.
    Nun zu einigen Beispielen.


    Von links Oben nach rechts Unten:


    Bild 1


    Auf der 1 Cent Washington ist ein „blue Target „ – Stempel zu sehen, der „Target“ ist relativ häufig, nur in der blauen Version sehr selten. Einige Versionen des Target und anderer spezieller Stempel werden auch – Killer Stempel genannt, aber das im Einzelnen auszuführen ist hier nicht die Zeit.


    Auf der 12 Cent Henry Clay ist ein „Spider“ – Stempel zu sehen, auch nicht oft anzutreffen.


    Auf der 30 Cent Marke ist ein schöner und sauberer „Crossroad“ – Stempel zu betrachten. Wobei es über die genaue Bestimmung der Stempelbilder nicht immer unbedingt eine einheitliche Ansicht gibt und so sind zwischen den Experten endlose Diskussionen in Gange.


    Die nächsten vier Werte zeigen die unendliche Vielfalt der so genannten „Geometric“ - Stempel, die in einer phantastischen Vielfalt vorkommen. Die „Geometrics“ gibt es in zahlreichen Unterarten, und hier den genauen Überblick über die genaue Einordnung der Stempel zu behalten ist nicht unbedingt einfach.


    Auf den folgenden zwei Cent Marken sind zwei Variationen des „half Moon“ – Stempel zu sehen. Nicht sehr häufig.


    Die letzten beiden Marken zeigen zwei Variationen des „Malteserkreuz“ – Stempels, auch hier gibt es unendlich viele Variationen und Typen.


    Bild 2:


    (von links nach rechts)
    Die erste Marke zeigt einen „negative Two“ - Stempel, die „Negativen“ gibt es nicht so häufig.


    Die 3 Cent zeigt einen sehr seltenen Stempel der „Open Book“ genannt wird.


    Die zwölf Cent zeigt wieder einen „ Crossrod“ – Stempel, aber dieses mal in roter Farbe, sehr selten.


    Die 3 Cent zeigt eine Marke dessen Stempel sich „Square Smiley Face“ nennt, auch in der Namensgebung sind der Phantasie und dem Humor keine Grenzen gesetzt. Gesuchter Stempel.


    Die nachfolgenden 3 Werte sind verschiedene Versionen des „Star“ – Stempels, auch hier gibt es sehr gesuchte Abstemplungen.


    Die 24 Cent Washington zeigt einen der selteneren „Flower“ - Stempel.


    Als letztes Beispiel sieht man auf der 15 Cent einen „Wheel“ - Stempel, auch dieser Stempel ist nicht oft anzutreffen.


    Gruß, Pitti.

  • Pitti:


    Sehr schöne Zusammenstellung! Aber bitte nenne doch die Quelle für die Beschreibung der Stempel. Einige Bezeichnungen bzw. Hinweise zur Seltenheit kann ich nicht nachvollziehen: Farbige Stempel sind zwar immer besser, blau war aber eine gängige Farbe. Der "Spider" ist sehr wahrscheinlich ein NYFM-Cancel - dass definitive Buch dazu ist von Bill Weiss. Negative Stempel waren in Boston lange Zeit im Einsatz. Bei der 15 Cent Webster sehe ich einen verbrauchten "Crossroad"-Stempel - ein "Wheel" ist es m.E. nicht, dazu fehlt der Rand.

  • @ Gagrakacka,


    die Quelle also, die größten und wertvollsten Quellen sind für mich in dieser Hinsicht die U.S. Briefmarken - Sammler in den USA selbst.
    Und, so betonten es viele Sammler oft genug, ist das defintive Buch zu den "Fancys" im allgemeinen und zu den speziellen Stempeln im besonderen - Herst & Sampsons: 19th century, U.S. fancy cancellations ist, oder auch und unbedingt das - Billigs Philatelic Handbook, 19th Century Fancy Cancels.


    Zu den Wheels, ich schrieb im obigen Beitrag das über eine wirklich genaue Bestimmung der einzelnen Stempeltypen nicht immer Einigkeit herrscht, aber in der Literatur lassen sich doch eigentlich genügend Beispiele dafür finden, das Wheels nicht immer einen Rand haben müssen.


    Zum "Spider", ja es ist mit hoher Wahrscheinlichkeit ein NYFM Cancel, und so lernt man dann, das man bei der Erstellung von Beiträgen doch etwas mehr Sorgfalt walten lassen sollte!


    Grüße


    Pitti

  • Pitti:


    Der Fritze Billig ist m.E. doch etwas alt, da gibt es mit dem Simpson/Alexander und einem Buch über die Banknote-Zeit doch spezialiertere Literatur: - dazu kommen noch Auktionskataloge und Monografien über einzelne Städte bzw. Ausgaben.

  • Vielen Dank für diese umfangreiche Zusammenstellung, Pitti! Mal was ganz Anderes, und schön erklärt! Die korkschnitzenden Sekretärinnen kann man sich so richtig vorstellen...!
    Zwar ist das nicht grade mein Sammelgebiet - anderen Lesern kann´s genauso gehen - aber es ist doch immer wieder schön, auch mal was Interessantes jenseits des eigenen Tellerrands zu erfahren.
    Falls Du noch Weiteres davon auftreiben solltest: bitte zeigen!


    Schönen Gruß
    vom Abarten-Hannes

  • Zitat

    Original von Abarten-HannesDie korkschnitzenden Sekretärinnen kann man sich so richtig vorstellen...!


    hannes:


    Sekretärinnen? Mitnichten! Das waren die Postmeister bzw. Schalterbeamten selbst! In New York hat sich die Foreign Mail Section besonders hervorgetan: - m.W. sind ca. 200-250 Stempel aus dem Zeitraum 1870-76 bekannt geworden.

  • Danke Hannes,


    es tut gut wenn man für seine Mühe ein wenig belohnt wird.


    Nur - die "Briefmarkerei" muss ja nun nicht gleich so ein staubtrockenes und humorloses Metier sein, es reicht ja schon wenn dieses Hobby auch so schon langsam in den komerziellen Wahn abgleitet, und so sollte dann die kleine humorige Anmerkung (denn die Geschichte mit den Postsekretärinnen wird in den USA immer wieder gerne zum Besten gegeben) nicht gleich wieder die Elite, mit dem ewig fachlich erhobenen philatelistischen Zeigefinger, auf die Bühne der Spezialisierung katapultieren.


    Ich meine - ein wenig Humor sollte in der Philatelie auch und unbedingt seinen Platz haben, oder sind Philatelisten doch nur noch Menschen, die vor lauter Fachidiotie sowie dem Eurozeichen im Nebenhirn, für kleine humorige Einlagen des täglichen Lebens nicht mehr fähig sind???


    Ich glaube nicht!


    Und so werde ich auch in Zukunft auf diese kleinen "Döntjes und Vertellers" in meinen Beiträgen nicht verzichten, denn immer noch ist auch der Humor und das Zwischenmenschliche etwas lebendiges, schönes und wichtiges im Leben der Sammler, noch jedenfalls.


    Grüße


    Pitti

  • Hallo Pitti !


    Ich fand Deinen Beitrag auch sehr unterhaltsam und informativ. Habe heute zum ersten mal von solchen Stempeln gehört und kann mir vorstellen dass das ein sehr spannendes Sammelgebiet ist.


    Ich werd heute Abend mal in meinen beiden geerbten und bisher stiefmütterlich missachteten USA-Alben gucken ob ich auch sowas entdecke :-)


    Viele Grüße
    Thomas

  • Pitti:


    Nix gegen "Döntjes und Vertellers", aber manche "Anekdote" führt schnell ein Eigenleben und erscheint dann als unterschüttlerliche Wahrheit. Fakt ist, dass Stöpsel von Medizinflaschen und Pflanzenteile verwendet wurden. Besonders einfallsreich war auch der Postmeister von Waterbury, seine "Running Chicken"-Stempel gehören zu den teuersten Fancies.

  • Stimmt, Gagrakacka,


    die Waterburys sind mir die Schönsten und ich glaube, er hat auch den "Esel" kreiert, aber Waterbury war vielleicht aus der Erste, der die kommerzielle Komponente bei den Fancys regelrecht "erwitterte" und so gehören dann seine Schöpfungen zu den Schönsten die es auf diesem Gebiet gibt.


    Ich glaube, es war auch der "Truthahn" den er schuf, kann aber auch eine spezielle Abstemplung aus Texas sein, muss mich da noch einmal kundig machen.


    Aber, diese kleinen Geschichten und Geschichtchen rund um ein Sammelgebiet, diese machen doch dann auch und erst recht die Philatelie ein wenig reicher, ein wenig bunter, ein wenig interessanter, meinst du das nicht auch.


    Liebe Grüße


    Pitti

  • Pitti:


    Auf der folgenden Seite finden sich eine Reihe von "Waterburys": - "Running Chicken" ist für einige ein Truthahn, irgendwo hab ich eine Abhandlung, warum das ein Huhn ist, obwohl der Stempel angeblich erstmals um Thanksgiving eingesetzt wurde. Neben dem "Kicking Mule" (davon gibt es in vielen Orten Stempel) ist "Shoo Fly" noch ein weiterer berühmter Stempel.


    Anekdoten machen ein Gebiet immer lebendiger, keine Frage. Ich sehe aber auch die Gefahr, dass im Internet alles für bare Münze genommen wird (und das mit den Postsekretärinnen hab ich echt noch nie gehört...).

  • Danke, Gagrakacka,


    eine neue Seite in meinen Lesezeichen, die Web Seiten zu diesem Thema sind sehr ergiebig und die "Amis" sind da mit den Informationen zu speziellen Sammelgebieten im allgemeinen und zu fachlichen Beiträgen im besonderen nicht so pingelig.


    Feine Sache.
    Auch zur Fälschungsbekämpfung und Erkennung gibt es sehr viel Unterstützung und sehr viel und auch sehr gute fachliche Hilfe.
    (Aber manche Fancys sind trotzdem "unverschämt" teuer, Junge, Junge).


    Liebe Grüße


    Pitti

  • Pitti:


    Wenn wir bei Anekdoten sind: Der "Running Chicken"-Brief mit den drei Einzelmarken ist deshalb so teuer geworden, weil ein Bieter wusste, dass der Käufer (damals Ishikawa) den Brief unbedingt haben wollte. Er hat ihn dann gnadenlos hochgetrieben...

  • Pitti


    Ich fand Deinen Beitrag einfach super und habe daraufhin gleich meine USA - Marken angeschaut und etliche der von Dir gezeigten Stempel wiedergefunden. Ein Malteser - Stempel war aber leider nicht dabei.....


    Bislang habe ich selbst keine Literatur über USA - Stempel ( ausser, was der Michel - USA - Spezial hergibt ) und so möchte ich einfach einmal fragen, wie man diese Stempel zuordnen kann und darüberhinaus, welche ( preislich erschwingliche) Literatur Du ( oder andere Forums - Mitglieder ) mir empfehlen würdest.


    Über Rückmeldungen würde ich mich sehr freuen !


    Gruss Shqip :rolleyes:

  • Hallo Shqip,


    einige Links und Bücher wurden schon genannt, die Literatur zu Stempeln ist oft nach Markenausgaben gegliedert. D.h. 1847-51, 1851-61, Banknotes etc. bzw. nach Städten: New York, New Orleans, Boston. Um eine grobe Übersicht zu gewinnen, würde ich mich mit folgenden Webseiten auseinandersetzen:





    Gerade bei die USPCS setzt sich stark mit den Stempeln auseinander.


    Die drei "Banknotes" könnten NYFM-Stempel haben, wobei der blaue möglicherweise doch eher New Orleans zuzurechnen ist.


    Beste Sammlergrüsse!


    Lars

    2 Mal editiert, zuletzt von BDPh-Fälschungsbekämpfung ()

  • Hallo Lars !


    Vielen Dank für die prompte Rückmeldung !


    Ich muss gestehen, dass ich mich erst seit kurzem mit Stempeln näher befasse, aber bereits zuvor bei der Bestückung meiner Sammlungen darauf achtete, Marken mit guten Stempelabschlägen einzugliedern.
    Die von Dir genannten Webseiten werde ich mir unbedingt anschauen, um weitere Informationen zu erhalten.


    Bzgl. der 90 c Marke habe ich leider keine Vergleichsmöglichkeiten, da ich nur dieses eine Exemplar besitze. Ich habe sie in einer spezialisierten USA Sammlung vorgefunden, welche ich im Rahmen einer Auktion ( Bühler, Berlin ) erwarb.


    Aber vielen Dank für den Tip. Werde mich nach einem Prüfer umschauen.....



    Gruss Shqip :rolleyes:

  • Hallo Shqip,


    Du brauchst keinen Prüfer, sieh Dir einfach die Marken auf der USPCS-Seite an. Da stellst Du schnell die Unterschiede in Zeichnung, Grösse und Zähnung fest.


    Beste Sammlergrüsse!


    Lars

  • Hallo Lars !


    Habe nun die Marken ( mein Exemplar und das von der USPCS-Seite ) verglichen und muss Dir unbedingt recht geben !


    Sowohl Markenbild ( meine Marke hat einen Rahmen, wo er gar nicht hingehört ) wie auch die Zähnung ( meine ergibt 11 : 10 1/2, obwohl 12 das Mass sein sollte ) weisen auf eine Ganzfälschung hin[Blockierte Grafik: http://www.smilietv.philaforum.com/upload/27/1166268105.gif] .


    Gut, dass es Menschen wie Dich gibt, welche den Fälschungsaspekt immer gut im Blick haben !


    Zum Glück ist die Marke ohne Waffel, also geringerwertig und ich werde sie sogleich mit einem Fälschungsvermerk versehen ( wegwerfen werde ich sie natürlich nicht.... ) vielleicht läuft mir ja einmal eine echte Ausgabe über den Weg :)


    Gruss Shqip :rolleyes: