Markensammler sind keine Bünzli

  • Nein, es muss ja nicht gleich eine «Halbe Doppelgenf» für 11 000 Franken sein. Auch weitaus günstigere Stücke bietet das Berner Philatelieunternehmen Zumstein an. Seit 100 Jahren handelt die Firma mit Briefmarken.


    Briefmarken sammeln. Ist das nicht etwas für langweilige Spiesser, die sich krampfhaft an ihr stilles Hobby klammern, weil sie nicht wissen, was sie in ihrer Freizeit sonst anfangen sollen?
    Christoph Hertsch schmunzelt bloss, wenn er mit solchen Klischees konfrontiert wird. Der 42-jährige Geschäftsführer des international renommierten Philatelieunternehmens Zumstein + Cie. an der Zeughausgasse 24 in Bern weiss es besser. «Schauen Sie, Briefmarkensammler sind absolut keine Bünzli. Im Gegenteil: Die meisten von ihnen sind interessierte, offene Leute, die sich mit verschiedensten Themen und Motiven befassen», erklärt er. Leute auch, die selbstverständlich wissen, welch hohen Wert einzelne Exemplare haben.


    «Briefmarken sammeln kann in vielen Fällen durchaus mit dem Sammeln von Kunstwerken oder Schmuckstücken ver-glichen werden», steht für Christoph Hertsch fest. Und: Briefmarken sammeln sei nach wie vor absolut im Trend - nicht nur bei Erwachsenen, auch bei Kindern und Jugendlichen. «So genannte Nachwuchssorgen gibts in dieser Branche nicht», betont Hertsch.
    Der 42-Jährige weiss zweifellos, wovon er spricht. Er ist seit 1983 in der Firma Zumstein tätig und leitet seit fünf Jahren in der 4. Generation die Geschicke des Unternehmens. Der eidgenössisch diplomierte Kaufmann ist anerkannter internationaler Philatelieexperte, Schätzer und Markenprüfer. Und er hat sein Geschäft ins elektronische Zeitalter geführt. Mit allen Möglichkeiten, welche Internet und einschlägige Software auch der traditionellen Philatelie bieten. Mit weltumspannenden Kontakten, welche blitzschnell aktiviert werden können. Sei es für den Einkauf oder den Verkauf, sei es für Prüfungen oder Beratungen.
    Was würde wohl Ernst Zumstein zu dieser rasanten Entwicklung sagen? Er war es, der 1905 den Grundstein zum erfolgreichsten Philatelieunternehmen der Schweiz legte. Zu einer Zeit, als das Sammeln und Auswerten von Briefmarken noch misstrauisch betrachtet und als reine Spielerei abgetan wurde. Doch die Kritiker sollten schon bald eines Besseren belehrt werden. Die noch junge Branche begann zu boomen.
    Kurz nach dem Tod von Ernst Zumstein übernahm dessen Kollege Arthur Hertsch 1920 die Geschäftsleitung. Auf ihn folgte 1964 sein Sohn Max. Dieser verstand es insbesondere, auch das Interesse der Massenmedien an der Philatelie zu wecken. Sein grosses Fachwissen stellte er in unzähligen Publikationen unter Beweis. In der Folge begannen immer mehr Leute, Briefmarken zu sammeln.


    40-Millionen-Sammlung
    Heute sind Briefmarken für manche Sammler vor allem auch Kapitalanlagen. «Wer sein Geld so anlegen will, dass er sich nach der Investition kaum mehr weiter um den Werterhalt kümmern muss, der liegt mit Marken genau richtig», versichert Christoph Hertsch. Der Wert einer seltenen Sammlung würde sich niemals verringern, und «Topstücke» könne man immer mit Gewinn weiterverkaufen. Zu den «Topstücken» gehören beispielsweise die «Halbe Doppelgenf linke Hälfte» für aktuell 11 000 Franken. Oder etwa die «Basler Taube auf Brief» für 30 000 Franken. Oder als absolutes Prunkstück die «Rayon 1, hellblau, auf Brief» für sage und schreibe 350 000 Franken.
    Bei solchen Preisen erstaunt es nicht weiter, dass einzelne Sammlungen die Millionengrenze weit überschreiten. Christoph Hertsch: «Die wertvollste mir bekannte Sammlung in der Schweiz würde bei einem Verkauf rund 40 Millionen Franken einbringen.»


    Die Queen als Kundin
    Wo so viel Geld im Spiel ist, erstaunt es eigentlich nicht weiter, dass auch Blaublüter kräftig mitmischen. So gehören denn auch Fürst Albert von Monaco, Schwedenkönig Carl Gustav oder gar die englische Queen Elizabeth zum erlauchten Kundenstamm der Berner Traditionsfirma Zumstein + Cie. Klar, persönlich erscheint der Hochadel nicht im Geschäft an der Zeughausgasse. Doch gibt es Verbindungsleute, welche die Anliegen dieser besonderen Kundschaft vorbringen.
    Mehr verrät Christoph Hertsch allerdings nicht. Auch nicht zur weiteren Klientel. Ausser, dass in der Kundenkartei 50 000 Personen aufgeführt sind. Denn: «Geht es um unsere Kundinnen und Kunden, ist höchste Diskretion angesagt.» Schliesslich wolle man seinen weltweit erstklassigen Ruf nicht aufs Spiel setzen. «Mit unbedachten Äusserungen könnten wir diesen Ruf in drei Sekunden zerstören.»
    Firmengründer Ernst Zumstein würde ob einer solch seriösen Geschäftseinstellung seines Nachfolgers in der 4. Generation wohl zufrieden mit dem Kopf nicken.



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