Die Ein-Cent-Marke

  • Das freut die Leut’, wenn sie sich im neuen Jahr aufmachen, einen Brief bei der Deutschen Post aufzugeben. Denn seit 1. Januar 2006 gelten neue Tarife. Wenn, sagen wir, der Großbrief bisher 1,44 Euro gekostet hat, so kostet er nun 1,45 Euro. Ein Cent mehr, das geht ja noch. Aber was macht man mit den alten Briefmarken? Davon hat man ja noch reichlich.


    Man geht zur örtlichen Filiale der Deutschen Post und möchte Ein-Cent-Marken haben. Und die gleich mehrfach, denn man möchte nicht am nächsten Tag gleich wieder vorsprechen. Das, erklärt die Dame am Schalter freundlich, gehe nicht. Denn die gewünschten Marken gebe es nicht. Jedenfalls nicht bei ihr.


    Wo dann? Draußen. Am Automaten. Da, so bekommt man die Auskunft, könne man sich Ein-Cent-Marken ausdrucken lassen. Man geht dorthin und druckt und druckt und druckt sich den Finger wund, denn die Druckanzahl kann nur auf diese Weise eingestellt werden: jede Briefmarke ein Druckvorgang. Bis die Zahl 100 erreicht ist. Die passend zu bezahlen ist, denn der Automat gibt nichts heraus. Außer Briefmarken. Mehr als hundert Wertzeichen druckt der Drucker nicht, wie er anzeigt, als er aufgefordert wird, Nr. 101 zu drucken.


    Jeder Fortschritt, so sinniert man beim Drücken, ist gleichzeitig ein Rückschritt. Der Fortschritt für die Dame am Schalter, die sich vormals mit derlei Kinkerlitzchen wie Briefmarken die Zeit vertreiben musste, ist ein Rückschritt für den Kunden, der zu zeitraubender Fingerarbeit gezwungen ist. Und man träumt sich ins 19. Jahrhundert zurück, als der weiße Sahib in Indien einen Gewehrträger fürs Gewehr, einen Kameraträger für die Kamera, einen Champagnerträger für den Champagner und einen Zeltträger für das Zelt dabei hatte, vom Koch ganz zu schweigen. Heute heißt das Event-Reisen, man schleppt keuchend alles selbst und ist Sahib und Kuli gleichzeitig.


    Als Kunde der Deutschen Post fühlt man sich nur noch als Kuli, jedenfalls was die Ein-Cent-Marke betrifft.



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