Massenmedium Nummer eins

  • Orientalistik. Wie die Geschichte Irans sich auf seinen Briefmarken zeigt.


    [Blockierte Grafik: http://www.diepresse.com/upload/20060205/Brief.jpg]
    Eine Serie aus dem Jahr 1990 läßt die Kultur Revue passieren.


    Auf dem vergilbten Stückchen Papier, das auf einer Philatelisten-Website angeboten wurde, war ein Herr scher abgebildet, der auf hell-violettem Hintergrund mit einem Krummsäbel in der Hand auf einem dunklen Thron Platz genommen hatte. 1929 war diese Marke in Europa für die Post des Irans produziert worden, Roman Siebertz wusste um ihre Seltenheit und schlug zu.


    Früh hatte sich der heute 35-jährige Dozent am Institut für Orient- und Asienkunde der Universität Bonn für die Revolution von 1979 interessiert. Während seines Studiums war er zweimal im Iran, und für seine Dissertation, die nun von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften als Buch veröffentlicht wurde, reiste er wieder hin, um die Motive der iranischen Briefmarken und ihre Funktion als Mittel der Selbstdarstellung zu analysieren.


    Natürlich erfüllte die Briefmarke auch ihren postalischen Zweck - trotzdem erkannte ebenso die iranische Elite die Möglichkeiten des "unterschwelligen Massenmediums Nummer eins", das immer gedruckt, immer im Umlauf, zuverlässig das jeweilige Motiv, verständlich auch für Analphabeten, in den noch so entlegenen Winkel transportierte.


    Lange betrachtete die Forschung Marken als "bunte Kuriosität" und nahm nicht wahr, "welches Selbstverständnis die verschiedenen politischen Systeme (durch dieses Medium) gegenüber der eigenen Bevölkerung, aber auch vor der übrigen Welt in der staatlichen Propaganda zu vermitteln suchten". Die Briefmarke ist demnach ein Dokument, dem man Politik ablesen kann.


    1868 wurde die erste iranische Marke in Auftrag gegeben, von einem Herrscher. Sie trug sein Porträt, und die Personalisierung der Macht dominierte zunächst, abgelöst wurde sie durch einen Löwen, der für den Staat stand. Der allein herrschende Schah nahm mittels Löwen sein Land symbolisch in Besitz, bis man ihm 1909 nach vollzogener konstitutioneller Revolution auch auf der Marke das Parlament zur Seite stellte.


    Mit Beginn des Ersten Weltkriegs brach der iranische Staat zusammen, erst in den 30ern schloss man unter Resa Schah an vergangene Markenstrategien an, warf aber die Richtung herum: Resa Schah schätzte die altiranische Kultur gering, eiferte dem Westen nach, wollte das Land modernisieren: Auf den Briefmarken erschienen Ölraffinerien und Flughäfen.


    1941 sitzt der Sohn auf dem Thron, Muhammed Resa Schah, er versucht die Versöhnung der vorislamischen Kultur mit der Modernisierungspolitik seines Vaters: Auf Marken sieht man ihn neben altiranischen Bauwerken und Flugzeugen. Aber er gewinnt das Volk nicht auf Dauer, trotz aller Mühen seiner Briefmarkendesigner, seine Volksverbundenheit ins Bild zu bringen.


    1979 kommt es zur Revolution, 1981 hat sich Ayatollah Khomeini durchgesetzt - und mit ihm eine neue religiöse Ikonographie. Man gründet ein Gremium, das die "edlen Themen der islamischen Revolution" verbreiten soll und - weg vom Herrschergesicht - das Volk in den Mittelpunkt der Illustrationen stellt. Volksmengen sind beliebte Motive, sie ähneln formal Darstellungen der französischen Revolution. Durch die Präsenz der Massen soll die Revolution zum Dauerzustand werden. Die Islamische Republik wird zur Schicksalsgemeinschaft im göttlichen Heilsplan stilisiert, gesellschaftlichen Spannungen wird vorgebeugt.


    Auf Briefmarken steht der Revolutionsführer entrückt im Blumenregen, er herrscht über ein "Reich der Gerechtigkeit und Harmonie", das sich von der ganzen Welt bedroht sieht - auch vom Nachbarn Irak. Auf einer Marke: Zwei Tauben ducken sich in einem blumenumrankten Nest vor einem auf sie zurasenden Bomben-Inferno zusammen. Ein letzter Kampf Gut gegen Böse findet statt, Iran ernennt sich zur Schutzmacht der islamischen Welt, die etwa die Palästinenser philatelistisch mit einem zerrissenen Davidsstern aus Stacheldraht unterstützt. Als Farbe herrscht Rot, häufig sind es Tulpen mit blutüberströmten Blütenkelchen, oft in Kombination mit der Taube, die für Freiheit, Unschuld und das Jenseits steht. "Durch die mythische Überhöhung des Kriegsgeschehens wurde das Grauen des technisierten Massensterbens ästhetisiert", man kostet kollektiv vom "Nektar des Martyriums".


    Nach dem Tod Khomeinis sind die Verhältnisse im Lande zunächst nicht klar: Auch die Briefmarken halten sich zurück und zeigen vor allem Blumen. Siebertz' Analyse endet mit dem Jahr 2003.



    Quelle / Artikel: