Altstadtkern auf einem „Klebezettel“

  • Chemnitzer Grafikdesigner Harry Scheuner gestaltete Sonderbriefmarke zu 1200 Jahren Ingolstadt – Postwertzeichen erscheint heute


    Chemnitz. 1200 Jahre Ingolstadt. Ein stattliches Alter, das in der bayrischen Stadt gebührend gefeiert wird. Der Chemnitzer Grafikdesigner Harry Scheuner hat zu diesem Anlass eine Sonderbriefmarke gestaltet, die heute erscheint – ein Grafiker aus der Region, in der die berühmten vier Autounion-Ringe erfunden wurden. Und die kamen ja nach dem Zweiten Weltkrieg nach Ingolstadt, der neuen Heimat von Audi. Uta Trinks sprach mit Harry Scheuner, der zu DDR-Zeiten vorwiegend Volkskunsthemen und nach der Wende vor allem historische Persönlichkeiten oder auch altes Spielzeug auf Postwertzeichen bannte.


    Freie Presse: Wie bringt man ein so großes Jubiläum und eine ganze Stadt auf ein so kleines Stück Papier?


    Harry Scheuner: Ich habe mich auf den eigentlichen Altstadtkern beschränkt: Stadttore, Festungsanlagen, das Münster mit den zwei Türmen und andere Kirchen sowie einige Bürgerhäuser. Alte, sehenswerte Bauwerke also, die ich mit wenigen Strichen angedeutet und am Computer zusammengerückt habe. Der Untergrund ist ein Ausschnitt aus einer Karte von ungefähr 1550. Das alles hat sich aus mehreren verschiedenen Entwürfen herauskristallisiert.


    Freie Presse: Was war Ihre erste spontane Idee, als Sie den Auftrag zu dieser Briefmarkengestaltung erhielten?


    Scheuner: Audi-Werk. Schließlich gehen dessen Wurzeln nicht zuletzt auch auf Chemnitzer Automobilbauer zurück. Doch 1200 Jahre Geschichte kann man ja nicht darauf reduzieren. Thematisch wäre sehr viel möglich gewesen.


    Freie Presse: Wie haben Sie sich mit Ingolstadt vertraut gemacht?


    Scheuner: Bislang kannte ich die Stadt nur flüchtig, von der Durchfahrt nach München. Erst jetzt habe ich mich näher mit ihr befasst, habe mich in Büchern und Broschüren informiert.


    Freie Presse: Beworben um diesen Auftrag haben sich auch andere Grafikdesigner. Was hat die Jury letztlich von Ihrem Entwurf überzeugt?


    Scheuner: Es war wohl die Verbindung von Alt und Neu. Das heißt, die Darstellung der historischen Sehenswürdigkeiten, die wunderbar saniert sind, und die heutige Sicht darauf.


    Freie Presse: Was ist neben der Motivsuche eigentlich wichtig für die Gestaltung einer Briefmarke?


    Scheuner: Ein gutes Gesamtbild. Man muss sich reindenken, wie groß das abzubildende Motiv wird auf dem kleinen Platz, den die Briefmarke bietet, so dass alles noch erkennbar, ablesbar ist. Es geht um Gestaltung und Gebrauchswert gleichermaßen.


    Freie Presse: Wie lange sitzen Sie an einem Briefmarken-Auftrag?


    Scheuner: Das ist verschieden. Aber die Zeit ist nicht unbegrenzt, es gibt Termine. Im Durchschnitt anderthalb Monate.


    Freie Presse: Bevor eine Marke auf Briefen landet, haben mehrere Gestalter Ideen investiert. Nur einer aber macht jeweils das Rennen. Was geschieht mit den Entwürfen, die so zu sagen ungedruckt übrig bleiben?


    Scheuner: Ich hebe meine auf, chronologisch geordnet. Hin und wieder gibt es, bei Philatelistentreffen beispielsweise, doch die Möglichkeiten, sie mal zu zeigen.


    Freie Presse: Und sammeln Sie selbst Briefmarken?


    Scheuner: Na ja, ich sammle zwar seit vielen Jahren, was aktuell ist. Aber nicht systematisch. Als Philatelist würde ich mich nicht bezeichnen.


    Freie Presse: Woran arbeiten Sie gerade?


    Scheuner: Es wird in Kürze eine Ausschreibung zum Thema Weltkulturerbe geben. Deshalb befasse ich mich zur Zeit mit Backsteingotik.


    Freie Presse: Haben Sie auch schon selbst gestaltete Briefmarken geklebt, und was ist das für ein Gefühl?


    Scheuner: O, ja. Natürlich. Das mache ich gern. Da reichen meist auch die Freiexemplare nicht aus, die man als Gestalter bekommt. Irgendwie ist es schon, als ob man mit diesen winzigen „Klebezetteln“ kleine Fußspuren hinterlässt.


    Service


    Das Industriemuseum Chemnitz, Zwickauer Straße 119, zeigt dauerhaft in einem Schaukasten Briefmarken, die von den Chemnitzer Grafikdesignern Harry Scheuner, Manfred Gottschall, Joachim Rieß und Hans Detlefsen († 1992) gestaltet wurden. Geöffnet Mo., Mi., Do. 9–17 Uhr (bis 17. April Di. bis 19 Uhr), Sa., So. 10–17 Uhr.



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